Zu Besuch beim TSV Juist

Inselderbyzeit

Am Sonntag treffen die Mannschaften vom TSV Juist und der TUS Norderney aufeinander. Ein Duell, das vor allem wegen der geografischen Lage der Klubs Probleme mit sich bringt. Benjamin Kuhlhoff war vor Ort. Zu Besuch beim TSV JuistBenjamin Kuhlhoff

Als Hermann Rehfeld sich im Januar 2002 kurzfristig entschied, für seine Mannschaft bei einem Fußballturnier mitzuspielen, ahnte er nicht, dass er wenig später in einem Schlauchboot sitzen würde – ganz allein, in dichtem Nebel, auf offener See.

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»Die Strömung hatte ich etwas unterschätzt, aber es ist ja gut gegangen. Bei dem Hobbyturnier sind wir trotzdem Letzter geworden«, erzählt der 45-Jährige. Zu dieser ungewöhnlichen Überfahrt kam es, als Rehfeld sich auf den Weg von der Nordseeinsel Juist auf die Nachbarinsel Norderney machte. Seitdem hat sich bei seinem Verein, dem TSV Juist, einiges verändert. Aber dennoch ist immer noch fast alles anders.

Im Frühjahr 2006 beschloss Rehfeld mit dem heutigen Spielertrainer Andreas Langenberg, erstmals seit 35 Jahren eine Mannschaft aus Juist für den regulären Spielbetrieb anzumelden. Jeder Spieler zahlt pro Saison bis zu 400 Euro für Auswärtsfahrten, finanzielle Unterstützung vom Verein bekommen sie kaum.

Doch Geld ist nicht das größte Problem. »Während unsere Gegner meist nur kurze Anfahrtswege haben, reisen wir pro Auswärtsspieltag beinahe zwölf Stunden – eine Menge Zeit für ein Hobby«, erklärt Rehfeld, der deshalb in dieser Saison nur noch im Notfall die Fußballschuhe schnüren will.

Mit dem Flugzeug zum Spiel

Juist ist tideabhängig. So kann die Fähre die Insel nur bei Hochwasser anfahren und verlassen. Nicht selten fährt deswegen lediglich eine Fähre am Tag. Diesem besonderen Umstand wird in der Saisonplanung Rechnung getragen. Der Ligaspielplan wird in enger Zusammenarbeit mit Trainer Langenberg erstellt und orientiert sich stark am Fährplan. »Wenn es gar nicht anders geht, fliegen wir eben mit dem Flugzeug zum Spiel«, merkt Langenberg nicht ohne Stolz an. Ein Hauch von Champions League in der 1.Kreisklasse, Staffel I, Aurich.

Und wenn die Juister schon mal auf dem Festland sind, spielen sie oft gleich zwei Spiele – an einem Tag. Wird in der Bundesliga über Wettbewerbsverzerrung durch Doppelbelastungen aufgrund internationaler Wettbewerbe geschimpft, können die Insulaner allenfalls müde lächeln.

Ab Anfang Oktober trainiert der TSV in der Schulsporthalle, weil es auf dem Sportplatz, den die Insulaner liebevoll »Dünenkessel« nennen, nur ein improvisiertes Flutlicht gibt. Das haben die Spieler selbst aufgestellt, doch wenn der Wind zu stark über die Insel pfeift, verdreht sich der Mast und der Platz bleibt dunkel.

Zum Hallentraining kommen selten mehr als acht Spieler, aber das ist kein Problem. Für eine ganze Mannschaft wäre hier ohnehin kein Platz, denn die Halle ist kaum größer als der Fünfmeterraum draußen auf dem Feld. Bei jedem Schritt knarzt das alte Holzparkett, und in der Luft liegt der beißende Geruch von 30 Jahren Schweiß und Schulsport. Gute Trainingsbedingungen sehen anders aus.

Zudem dürfen die fünf Bauarbeiter in der Mannschaft aufgrund des hohen Verletzungsrisikos in der Halle nicht trainieren. Ihr Vorgesetzter könne Arbeitsausfälle nicht kompensieren.

Der Traum vom Bundesligaverein auf Juist

Langenberg träumt davon, einmal einen Bundesligisten auf Juist begrüßen zu dürfen. »Das würde der Insel gut tun. Aber auf unserer Anlage wird kein hoch bezahlter Profi trainieren. Die lachen sich doch kaputt«, erklärt der 24-Jährige. Von grasbewachsenen Dünen umschlossen, wirkt der »Dünenkessel« nur auf den ersten Blick wie ein idyllisches Schmuckkästchen.

Bei genauem Hinsehen offenbaren sich die Probleme: Riesige Löcher in Zaun und Rasen, zahlreiche Maulwurfshügel, und am Spielfeldrand stützen sich zwei windschiefe Tore gegenseitig vor dem Umfallen. Nebenan beim großen Inselbruder Norderney spielt seit Jahren Werder Bremen im Sommer. Champions League ist eben doch woanders.

Heute kommt nun der große Inselbruder zum Derby nach Juist. Das Hinspiel haben die Juister verloren. Sie brennen auf Revanche. In ein Schlauchboot braucht sich in naher Zukunft allerdings niemand mehr zu setzen. Aber wenn man den Aufwand betrachtet, den die Spieler des TSV bereits heute für ihr Hobby betreiben, dann würde es nicht verwundern, wenn sie es trotzdem eines Tages tun würden. Es ist eben alles ein bisschen anders bei den Inselkickern des TSV Juist.