Zu Besuch bei Mesut Özil

Die Sache mit Justin Bieber

Da man gerade bei Zidane ist: Wie war es eigentlich mit dem großen Vorbild bei Real Madrid? »Hände haben geschwitzt«, sagt Özil. Und dann nimmt er sich ein Herz und erzählt eine schöne Geschichte. »Ich hoffe, Sami ist mir nicht böse. Aber das war irre, 80-Meter-Pass von Ramos, Zidane nimmt Ball runter, einfach so. Sami kommt angerannt, Zidane macht Körpertäuschung.« Özil bewegt sich am Steuer hin und her und zeigt noch mal, wie genau Sami Khedira angerannt kam. »Da hinten hin. Aber der Ball war immer noch an Zidanes Fuß. Sami war bisschen sauer. Aber dann hat er auch gelacht. Und alle haben applaudiert!«

Mesut bedeutet »der Glückliche«. Und jetzt, kurz vor dem Ende der Fahrt, scheint er wirklich glücklich. Vielleicht weil er es fast geschafft hat. Weil er gleich mit seinen Kumpels losziehen kann. Vielleicht aber auch, weil er die alten Geschichten erzählt hat. Geschichten vom Kicken. Vom Fußball. Geschichten, die ihm etwas bedeuten. Ist er durch den Fußball offener geworden? »Offen war ich immer und bin es auch heute noch. Zumindest wenn ich Leute um mich herum habe, denen ich vertraue, die ich kenne und mag.« Als Arsène Wenger gefragt wurde, ob Özil ein Führungsspieler sei, sagte er: »Mesut ist zurückhaltend, aber wenn er etwas sagt, dann bringt er die Sachen auf den Punkt.«

»Läuft bei dir!«

Wenig später bei Özil zu Hause. Eine Villa im Stadtteil Highgate, nicht zu prunkvoll von außen, aber vor der Tür parkt ein Ferrari. Im Eingangsbereich hängt ein riesiges Bild von einem Löwen. Draußen regnet es, Özils Mops rast durch die Tür, er heißt Balboa, wie Rocky, natürlich, from zero to hero. Es klingelt, die Bros und Habibis kommen rein. Özil verschwindet im Obergeschoss, und Sögüt, der Rechtsanwalt mit der Beraterlizenz, kramt sein Handy hervor. »Pssst«, sagt er. »Ich zeige euch ein Video, das wir für seinen Geburtstag aufgenommen haben.« Es ist ein Fünf-Minuten-Clip, in dem viele Weggefährten und Mitspieler Mesut zum Geburtstag gratulieren: Robert Pires, Luka Modric, Ilkay Gündogan, Jerome Boateng. Auch sie nennen ihn Mesut-Abi. »Alle haben mitgemacht. Findste gut?«

Als Özil später das Video sieht, strahlt er. Vor allem bei Lukas Podolski. Der sagt: »Mesut-Abi! Mein Geschenk hast du ja schon erhalten. Die Zehn!« Und dann ergänzt der Galatasaray-Spieler auf Türkisch: »Amina Koyim!« Fick dich. Ein Brudi-Scherz. Schließlich hat Özil in einigen Interviews gesagt, dass er nicht nur in der Nationalelf, sondern auch bei Arsenal gerne die Zehn hätte. Noch so ein Jugendtraum, schließlich wollte er auch früher immer die Zehn haben, weil Diego Maradona und Pelé sie trugen und sie voller Mythen ist. Aber warum ist eine einfache Zahl auf dem Trikot überhaupt so wichtig? Özil sagt: »Wenn man in die Kabine geht, und dann hängt da am Spind das Trikot mit der Zehn und deinem Namen, das ist ein gutes Gefühl.« Er grinst. Und resümiert: »Dann denke ich halt ‚Läuft bei dir!‘«

Justin Bieber und der Tankwart

Am nächsten Morgen berichten einige Klatschseiten im Internet über Özil. Es geht nur am Rande um den Sieg gegen Swansea, Hauptthema ist Özils Geburtstagsparty in der Edeldiskothek Tape, wo er bis drei Uhr gefeiert haben soll. Justin Bieber war auch da. Auf den Paparazzi-Bildern sieht man den Profi auf dem Weg zum Eingang, die Cap tief ins Gesicht gezogen. Im Hintergrund: der verschmitzt lächelnde Erkan, der Tankwart a. D. Und irgendwo dahinter: die komplette Brudi GmbH, der beste Freund Baris, Bruder Mutlu, Cousin Serdar, Kümmerer Erkut, Student Ali, ein einziger endloser Sommer.

Einen Tag später posten Bieber und Özil ein gemeinsames Foto über ihre Facebook-Kanäle. Mehr als 100 Millionen Menschen sehen das Bild. Drei Tage später schießt Özil beim Champions-League-Spiel gegen Ludogorez Rasgrad drei Tore in 30 Minuten. Es ist der erste Hattrick seiner Karriere und für Arsenal der siebte Sieg in Folge. Tatsächlich: Läuft bei ihm.

Ein diese Reportage begleitendes Interview mit Mesut Özil findet ihr hier >>>