Zu Besuch bei Mesut Özil

Der Wahnsinn geht weiter

Erkan ist der Spaßvogel der Gruppe. Er redet sehr schnell und sehr viel, und obwohl er schon ein paar Mal im Emirates war, hat er sich seine kindliche Neugier bewahrt. Guck hier, da kommen die Spieler an. Guck dort, da sind die Kabinen. Ein wenig ungläubig scheint er darüber, dass er vor kurzem noch hinter einer Kasse stand und sich über Diesel- und Benzinpreise Gedanken machte und heutzutage in einem Designerbüro an der edlen Düsseldorfer Königsallee sitzt und überlegt, ob er nächste Woche sowohl zum Auswärtsspiel nach Paris als auch zum Premier-League-Spiel in London fahren soll.

In Özils Brudi-VIP-Box im Emirates werden Köfte, Chai und türkisches Brot serviert. Ein junger Mann setzt sich. Auch aus der Olgastraße? »Spricht kein Deutsch. Ali aus London! Englisch!«, sagt Erkan. Ali ist Student. Er will Zahnarzt werden und sagt, er sei schon immer ein riesiger Özil-Fan gewesen. »Achte mal auf ihn! Diese Präsenz! Diese Assists! So was siehst du nur live im Stadion.« Vielleicht hat Ali recht. Vielleicht ist Özil kein Fernsehfußballer. Wenn man ihn in natura gegen Swansea beobachtet, kann man zwar auch wieder Pausen erkennen und manchmal gehen auch die Schultern runter. Aber: Özil ist in den entscheidenden Situationen präsent, er schleicht sich frei, wie Elgert es nannte.

Özil entknotet das Spiel 

Diskussionen um Özils Körpersprache gibt es, seit er Profi ist. Oft heißt es, er spiele uninspiriert, bewege sich träge über den Platz. Auch während der EM wurde er kritisiert, vor allem nach dem Spiel gegen die Ukraine. Die »Sportbild« schrieb damals, er sei blass geblieben, Später fand die Datenfirma Impect heraus, dass es während des Turniers keinen Mittelfeldspieler gab, der sich mehr anbot und häufiger angespielt wurde als Özil. In der Premier League ist der Arsenal-Spieler vor allem für seine Vorlagen bekannt, 19 Assists gab er in der Saison 2015/16. Und auch heute gegen Swansea legt er ein paar Bälle auf. Dabei tippt er den Ball manchmal nur an, vermeintlich unscheinbare Assists, zwei Meter, drei Meter, mit der Seite, mit dem Außenrist. Aber plötzlich, im Bruchteil einer Sekunde, wirkt das ganze Knäuel aus Mit- und Gegenspielern am Strafraum, als hätte es jemand entknotet. Man denkt unweigerlich an diesen Tweet, der vor wenigen Wochen die Runde machte: »Mesut Ozil assisted the nurses during his own delivery«. Eine Art Chuck-Norris-Witz, der viel über die Wertschätzung aussagt, die der Deutsche in London genießt.

Aber weiter mit Ali, dessen Geschichte auch wie ein Jugendtraum klingt. Eine Geschichte, die all jene staunend zurücklässt, die Özil nur aus der »Bunten« oder der »Gala« kennen. Vor ein paar Jahren sah Ali sein Idol in einem Restaurant sitzen und überlegte, ob er ihn ansprechen sollte. Aber würde der große Star ihn, einen kleinen Studenten, überhaupt eines Blickes würdigen? Er schickte seine Mutter vor. »Herr Özil, mein Sohn ist ein großer Fan von Ihnen«, sprach sie ihn an, »darf er sich zu Ihnen setzen?« Ali durfte. Sie unterhielten sich auf Türkisch und tauschten Telefonnummern aus. Heute sind sie enge Freunde, ganz normal, so weit das geht. Der eine besucht eben Vorlesungen mit ein paar Kommilitonen, dem anderen jubeln Hunderttausende zu. Sie waren sogar gemeinsam im USA-Urlaub, erzählt Ali.

Der Wahnsinn geht weiter

Ein paar Minuten später schießt sein Kumpel das 3:1. Ali, Erkan, Baris und die anderen hüpfen durch die Loge, rufen »Bämm!« oder »Woah!«, high five, low five, Gelsenkirchen-Bismarck represent, als hätten sie alle gemeinsam von der Olgastraße Anlauf genommen, um den Ball unhaltbar unter die Latte zu dreschen. Als sie sich wieder setzen, sagt einer: »Wenn er will, dann kann er ja.« Will er denn nicht immer? Der junge Mann lächelt.

Özil zeigt zur Kreuzung. »Da ist der Pub.« Die Vereinsführung habe die Spieler angewiesen, hinter dieser Ampel keine Autogramme zu geben, da viele Fans die unterschriebenen Trikots teuer verkaufen. Özil sagt nur: »Ich mag es nicht, wenn die Erwachsenen die Kinder wegstoßen.« Er fährt auf der mittleren Spur auf die Ampel zu, stoppt hinter einem anderen Wagen. Aber sie sehen ihn trotzdem. Kommen angerannt. Özil lässt wieder das Fenster runter. Und dann geht der Wahnsinn weiter. Sie singen wieder »Happy Birthday«. Singen wieder sein Lied, das von »Arsene Wenger’s man« und dass er besser als Zidane sei.