Zu Besuch bei Mesut Özil

Allein die Diskussion um seine Körpersprache

Vor dem Länderspiel gegen Tschechien war er mal wieder da. Zu Hause, sagt er. In der Olgastraße. Freunde besuchen. Die Erinnerungen waren sofort wieder da, Bilder, Gerüche. Köfte an der Ecke, der Laden mit dem Wassereis, aber vor allem: Fußball. Die Tricks von Zinédine Zidane üben, die Schüsse von Ronaldo, die Flanken von Luis Figo.

Als Mesut Özil 17 Jahre alt war, hatte er eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie seine Zukunft aussehen sollte. Er war damals in die Jugendabteilung des FC Schalke 04 gewechselt und traf dort auf Norbert Elgert, einen Trainer, der neben Özil auch Julian Draxler, Manuel Neuer oder Benedikt Höwedes den Feinschliff für die Profis verliehen hat. Der 59-jährige Elgert, früher selbst Profi bei Schalke, sitzt in der Lobby des Courtyard Hotels, direkt neben dem alten Parkstadion. Ein sachlicher Typ, alte Schule, prägnante Formulierungen. Erstaunt sei er nicht, dass Özil ein erfolgreicher Fußballprofi wurde. War ja selbstbewusst, sagt er. Wusste, was er wollte. Sätze, die man mit dem frühen Özil nicht unbedingt in Verbindung bringt. Muss man sich nicht eher wundern, dass es einer wie dieser schüchterne Junge im Ellbogengeschäft Fußball überhaupt geschafft hat? Nein, sagt Elgert. Schüchtern sei Özil nie gewesen. Zurückhaltend, ein wenig introvertiert, aber eben auch zielstrebig.

Özil werde oft falsch bewertet, sagt sein Förderer

Als Elgert den Nachwuchsspieler mal nach seinen Plänen fragte, sagte der seine Karriere voraus. »Er wollte erst Stammspieler in der U19 werden, dann Profi bei Schalke – danach zu Real Madrid oder Barcelona und irgendwann auch mal beim FC Arsenal spielen. Tatsächlich in der Reihenfolge.« Ein Prophet? Ach. Ein Wunder? Mmmh. Der Trainer mag die Hysterie im Profifußball nicht, diesen Apparat, der nur Begriffe wie »Superstar« oder »Versager« kennt. In dem jeder sich »Experte« nennt, der irgendwann mal zehn Bundesligaspiele gemacht hat. Er sagt, dass Özil oft falsch bewertet werde. Schon die Diskussionen um seine Körpersprache! Viele würden sein Spiel gar nicht verstehen, sagt Elgert und zeichnet mit seinen Händen Wege auf den Tisch. Özil, sagt er, schleiche sich oft frei, biete sich zwischen den Linien an, ohne dass seine Gegenspieler es mitbekämen. Er spiele viel häufiger Risikopässe als andere. Und ein Wert wie Laufleistung sage auch nichts aus. Es komme schließlich nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität der Sprints an.

Der Kontakt zwischen den beiden, dem Lehrmeister und dem Schüler, ist nie abgebrochen. Özil lud Elgert 2013 zum Copa-Finale zwischen Real und Atletico Madrid ins Bernabeu ein. Als Özil ein Jahr später einen Ehrenpreis für soziales Engagement bekam, bat er seinen alten Trainer, die Laudatio zu halten. Manchmal schickt er ihm noch SMS. In einer stand: »Trainer, falls Sie mal etwas brauchen, ich bin für Sie da.«

»Eigentlich nur Fußball«

Wenige hundert Meter entfernt liegt die Gesamtschule Berger Feld. In einem Flur befindet sich eine Art »Wall of Fame«, hier hängen gerahmte Bilder von Manuel Neuer, Ralf Fährmann oder Joel Matip. Alle gingen hier zur Schule, alle hatten ein großes Ziel: Irgendwann in der Schalker Arena aufzulaufen, die sich hinter dem Schulhof und den Bäumen erhebt. Die Lehrer an der Gesamtschule haben in den vergangenen Jahren unzählige Interviews zu ihren ehemaligen Schülern gegeben. Einer wurde mal mit den Worten zitiert, Özil sei »ein wenig autistisch« gewesen, was natürlich blöd klang. Der ehemalige Klassenlehrer Christian Krabbe formuliert es nun anders: »Er war bescheiden und stand nicht gerne im Mittelpunkt. Er wollte eigentlich nur Fußball spielen. Und das ist bis heute so.«