Zu Besuch bei Mesut Özil

Der Entdecker des Goldjungen

Özil zeigt auf die nächste Kreuzung, 200 Meter entfernt, direkt neben einem Pub. Er sagt: »Da geht’s noch mal ab.« Und dann: »Du darfst nicht vergessen, wo du herkommst.« Auch so ein Satz aus dem Baukasten, ein Kalenderspruch. Eigentlich. Bei Özil hat er einen anderen Klang. Auch wenn man sich hier, in diesem Pulk von Fans, kaum vorstellen kann, wie ein Mensch auf dem Boden bleibt, wenn ihn andere an jedem Wochenende in den Himmel heben.

Wer wissen will, wie der Boden aussieht, auf dem Özil bleiben möchte, muss ins Ruhrgebiet fahren. Nach Gelsenkirchen. In seinen alten Stadtteil Bismarck, rissiger Asphalt, schimmelige Hausfassaden, Eckkneipen-Romantik. In die Olgastraße, zu dem eingezäunten Bolzplatz, den die Jungs »Affenkäfig« nennen. An seine alte Schule Berger Feld, die sich im Schatten der Schalker Arena befindet. Und nach Essen, zu Werner Kik, wo alles begann.

Der Goldjunge von der Olgastraße

Kik, 77, graue Bundfaltenhose, grünes Polohemd, empfängt an einem Dienstagmorgen Anfang Oktober in seinem Wohnzimmer. Er spielte in den sechziger Jahren für Rot-Weiss und war in den Nullerjahren Jugendkoordinator des Klubs. Ein freundlicher weißhaariger Mann, der »Prost« sagt, wenn er einen Schluck aus seinem Wasserglas nimmt. Und der ein wenig aufgeregt ist, weil es heute um Mesut Özil gehen soll.

Es war irgendwann im Sommer 2000, als es an seiner Tür auf der Geschäftsstelle klopfte und Mustafa Özil sich vorstellte. Er fragte, ob sein elfjähriger Sohn mal mittrainieren könne, denn er sei ziemlich gut. Na schön, dachte Kik, zeig mal, was du kannst – und dann war er baff. Schon nach der ersten Einheit bot Kik dem Vater einen richtigen Vertrag an, dazu einen persönlichen Fahrdienst, der den Jungen nach der Schule von Gelsenkirchen nach Essen bringen sollte. »Weißt du noch, wie du nach Hause kamst, Werner?« Kiks Ehefrau steht im Türrahmen. »Du warst ganz aufgeregt. Hast gesagt: Heute war einer da, der wird mal ein ganz Großer.« Der ehemalige RWE-Profi schaut beschämt zur Seite. »Ach, das konnte ich eigentlich gar nicht wissen«, sagt er. »Das wäre ja vermessen.« Und dann erinnert er sich, wie er mal ganz nervös wurde, als der Goldjunge nicht zum Training erschien. Hatte er keine Lust mehr? War er abgehauen? Zu einem anderen Verein? Am Ende fand Kik heraus, dass Özil an jenem Abend mit seinen Jungs im Affenkäfig in der Olgastraße gespielt hatte. Es stand wohl ein wichtiges Spiel gegen die Nachbarstraße an.

Döner für den Sieger

Özil, nun ein feines Lächeln auf den Lippen, rutscht im Sitz hin und her. Die Augen, die sonst immer ein bisschen müde aussehen, leuchten. Es geht ja ums Bolzen, ums Kicken, wie er es immer noch nennt. Heimischer Boden, bekanntes Terrain. Und plötzlich kommt er ins Reden und beendet Sätze mit netten Pointen. »Es gab nur Fußball für uns, von morgens bis abends. Es gab sogar eine richtige Straßenmeisterschaft«, sagt er. »Ich hatte damals krassen Respekt vor den Älteren. Und natürlich habe ich nach Fouls manchmal gedacht: Jetzt revanchierst du dich, aber im nächsten Moment hatte ich Sorge, dass ich von denen dann ordentlich Haue bekomme. Wenn wir verloren haben, mussten wir den Siegern Döner ausgeben, und manchmal war das ganz schön blöd, weil, wir bekamen ja nur fünf Mark Taschengeld, und die waren dann schnell weg.« Dann mussten sie das nächste Spiel gewinnen – oder es gab bis zum Ende des Monats nur Süßigkeiten vom Kiosk. Was aber auch nicht so schlimm war. »Ich liebe diese bunten Tüten von der Bude«, sagt Özil.