Zu Besuch bei Mesut Özil

Die Maschinerie hinter Özil

Özil bleibt stets höflich, das schon, trotzdem merkt man, dass er sich in künstlichen Situationen, in Interviews oder auf Pressekonferenzen, selten richtig wohl fühlt. Ohne den Ball am Fuß wirkt er fragil, beinahe ängstlich. Wie ein Kind, das die Eltern gegen seinen Willen auf eine Familienfeier mitgenommen haben und das am liebsten ganz schnell heim möchte, zurück zu den Freunden, auf den Bolzplatz, an die Playstation. Berichtet wird natürlich trotzdem. Über Popstar-Sternchen an seiner Seite, seine Reise nach Mekka, die leidige Nationalhymnendiskussion oder den Streit mit seinem Vater Mustafa, den er vor zwei Jahren von seiner Beraterfunktion entband und durch seinen Bruder ersetzte. Özils Geschichte ist auch eine Telenovela. Und wenn es doch mal um Fußball geht, ist das Hauptthema: seine Körpersprache. Özil, das lustlose Genie, der Spieler, der bei Rückständen die Schultern hängenlässt.

Jetzt zieht er die Schultern hoch. Er mesutözilt: »Wert hat nur das, was Trainer sagt.« Er meint: Was wissen die Leute schon über mich? 


Vielleicht hatte dieses Treffen auch deswegen einen Vorlauf von über einem halben Jahr. Außerdem muss man wissen: Um Özil hat sich in den letzten Jahren eine große Gruppe von professionellen Kümmerern und Helfern formiert. Die meisten sind Freunde, Verwandte, Bekannte. Eine Firma in München organisiert die Pressearbeit, die Özil Marketing GmbH in Düsseldorf kümmert sich um die Vermarktung. Es gibt etwa Hubert Raschka, einen Berater, er ist der erste Ansprechpartner. Es gibt Dr. Erkut Sögüt, einen Rechtsanwalt und lizenzierten Spielerberater, der zwischen London und Düsseldorf hin- und herjettet. Dann ist da noch Mutlu Özil, der Bruder und Geschäftsführer an der Düsseldorfer Königsallee. Oder Serdar Özil, der Cousin, der mit Mesut in London lebt. Sie wägten ab, fragten, wie die Stoßrichtung der Geschichte sei, 11 FREUNDE, na ja, haben auch nicht immer positiv berichtet. Und überhaupt, so denken sie wohl: Was bringt eine Reportage jemandem, der mit einem 15-sekündigen Instagram-Video seines Hundes 1,2 Millionen Follower erreicht? Der bei Twitter mehr Fans hat als Kobe Bryant und bei Facebook fast doppelt so viele wie Madonna?

Wie menschliche Widerhaken

Schließlich kam aber das Okay von seinen Beratern. Man wolle es versuchen, am 15. Oktober, an seinem 28. Geburtstag, eine gemeinsame Fahrt durch London. Und vielleicht ist das wirklich der beste Rahmen, um Özil nahe zu kommen, nicht nur räumlich auf dem Beifahrersitz. Ein bisschen plaudern, ein wenig den Regen im Scheinwerferlicht beobachten, die Streets of London, dazu Türkpop. Und auch wenn Özil anfangs etwas schweigsam ist, scheint er guter Dinge. Eben hat Arsenal 3:2 gegen Swansea gewonnen, und er machte das zwischenzeitliche 3:1. Ein Volleyschuss unter die Latte. Die Fans sangen: »We’ve got Ozil. Mesut Ozil. I just don’t think you understand. He’s Arsene Wenger’s man. He’s better than Zidane.« War es jemals so laut beim FC Arsenal?

Özil tritt auf die Bremse, die nächste rote Ampel, das gleiche Schauspiel. Meeeesut! Mesut! Happy Birthday! Great Goal! Und dann kommt ein Mann von vorne, schreibt rasch eine Botschaft auf einen Zettel und hält ihn an die Frontscheibe: »Bir Selam! Emin aus Essen«, viele Grüße von Emin aus Essen. Özil, leise, aber bestimmt: »Be careful!« Ein Junge wiederholt für die anderen: »Careful! Don’t scratch his car!« Özil fährt langsam an, aber es geht nicht vorwärts, die Kinder hängen am Wagen wie menschliche Widerhaken. Also gut. Noch der Junge und der da hinten, und dann ruft noch einer etwas auf Türkisch. Okay, der auch noch. Meeeesut! Aşkım! Meine Liebe!