Zu Besuch bei Maradona

Maradona ist sauer

Luis Islas geht hinüber zu Diego, spricht kurz mit ihm und zeigt auf mich. Diego nickt und einen Augenblick später kommt Abdullah herüber. »Sie können sich glücklich schätzen: Sie sind der erste Journalist, den er seit seiner Ankunft empfängt«, sagt er. Aber zuerst setzt sich Diego auf dem Rasen auf eine Plastikkiste und versammelt die Argentinier aus seinem Stab vor sich. Diego redet, die anderen lauschen und lachen, wenn es geboten ist. Es zieht sich in die Länge. Diego hat offensichtlich viele Geschichten zu erzählen. 

Schließlich erhebt er sich und sofort tun es ihm die anderen gleich, als hätten sie nur darauf gewartet, wegtreten zu dürfen. Aber keiner verlässt den Platz vor dem Boss. 

Maradona kommt herüber und baut sich recht formell mit den Händen auf dem Rücken vor mir auf. Von dem Maradona, der sein Gefolge gerade noch mit launigen Geschichten unterhalten hat, ist nichts mehr zu sehen. Ich frage ihn, was die Jahre in den Emiraten mit ihm als Mensch gemacht haben. »Ich habe mich als Mensch nicht verändert. Aber ich habe hier gute Menschen kennengelernt, die mich sehr gut behandelt haben. Ich bin glücklich. Jetzt habe ich die Chance bekommen, für den Fudschaira SC zu arbeiten, und ich nehme diese Aufgabe sehr ernst«, sagt er. 

Diego Maradona ist sauer

Ich versuche vergeblich, ihm in die Augen zu sehen, aber Maradona vermeidet Blickkontakt, schaut zur Seite oder auf den Boden. Seine Augen sind groß und braun, die Furchen auf seiner Stirn tief. »Das hat mir gezeigt, dass es noch gute Menschen gibt auf der Welt«, sagt er. »Menschen, mit denen man auf ehrliche Weise arbeiten kann und ohne jemanden zu berauben.« Damit lenkt er das Gespräch auf das Thema, das ihm offenbar am Herzen liegt: Ungerechtigkeit im Fußball. 

»Ich verstehe mich prima mit Gianni Infantino, ebenso mit Marco van Basten und mit Zvonimir Boban. Ich stehe in Kontakt mit ihnen, um Lösungen für die Fifa zu finden, damit die Menschen sich dem Fußball widmen können statt der Korruption«, sagt er. Anschließend spricht er über jene, die er für Schurken zu halten scheint. Der ehemalige Fifa-Präsident Sepp Blatter gehört dazu, sein verstorbener Landsmann Julio Grondona, der neulich verhaftete Spanier Angel Villar. Diego Maradona klingt jetzt wirklich sauer. »Die Leute in der Fifa glaubten, dass das Geld aus dem Fußball für sie persönlich bestimmt wäre und nicht für den Fußball. Coca-Cola stellte einen Scheck an Blatter aus und der löste den Scheck ein und überwies das Geld auf sein eigenes Konto. Grondona tat das Gleiche, ebenso Villar. Sie stahlen dem Fußball das Geld, sie beraubten die Menschen, die für die Tickets bezahlt hatten. Deswegen hat Infantino heute so große Probleme: Er muss erst mal klar Schiff machen in dem ganzen Schlamassel. Es ist eine Katastrophe.« 

El Diego hat viele Gesichter

Diego Maradona hat sich in Rage geredet. Als er weiterspricht, stößt er mir den Finger in die Brust. »Wenn ich sage, ‚Okay, du hast mich beraubt, du wanderst in den Knast‘ – aber du hast das gestohlene Geld schon an deinen Sohn, deine Schwester, Frau oder sonst wen weitergegeben, muss dieses Geld zurückgegeben werden!«, sagt er aufgebracht. »Aber ich bin hier sehr glücklich«, versichert er und wechselt damit unvermittelt das Thema. »Ich lade Sie ein, bei der Ehrenrunde dabei zu sein, wenn wir in die erste Liga aufgestiegen sind.« Wir haben nur ein paar Minuten gesprochen und in der kurzen Zeit haben sich sein Charakter und seine Laune mehrfach verändert: von lustlos zu aufgewühlt zu heiter: El Diego hat viele Gesichter.

Wir machen uns auf den Weg Richtung Spielertunnel. Die Heimfahrt nach Dubai steht an. Ich muss ihn natürlich noch nach dem letzten Tor der Trainingseinheit fragen, das er mit der Hand erzielt hat. Es sah fast wie eine Reminiszenz an Sie selbst aus, oder?

»An mich? Haha!«

Hätte es zählen dürfen?

»Nein, nein. Es gibt heute ja Videoschiedsrichter, nicht? Aber mich haben sie nicht erwischt!«, sagt Diego Maradona mit einem Lächeln, als er sich verabschiedet und die Hand seiner Freundin nimmt. Der 56-jährige Maradona und die 27-jährige Rico Oliva gehen Hand in Hand den Flur hinab davon. Der Arbeitstag für Fudschairas Trainer ist vorbei.