Zu Besuch bei Maradona

Niemand versteht ihn; sie lachen trotzdem

Was sie sich die Dienste von Diego Maradona kosten lassen, ist nicht bekannt. Dass der selbsternannte Mann des Volkes und Fürsprecher von Fidel Castro und Che Guevara nun Öl-Dollars im Mittleren Osten verdient, ist indes zu Genüge kommentiert worden. Als Diego im August seine Unterstützung für Venezuelas umstrittenen Präsidenten Nicolas Maduro zum Ausdruck brachte und sich als »chavista hasta la muerte« bezeichnete, als lebenslangen Anhänger von Maduros Vorgänger und Vorbild Hugo Chavez, war für manche das Maß voll. Paraguays ehemaliger Nationaltorwart José Luis Chilavert wetterte: »Maradona ist ausgebrannt, und es ist typisch für ihn, dass er den Mörder des venezolanischen Volkes unterstützt. Er tritt gegen Imperialismus ein, lebt aber selbst in Dubai.« Und die Frage ist nun wirklich nicht von der Hand zu weisen, was aus Diego Maradona wird: Ist er noch eine relevante Figur oder längst die Parodie seiner selbst? Spielt er mittlerweile weder für den Fußball noch für die Politik eine Rolle und lebt allein von seiner Vergangenheit und seinem verblassenden Ruhm?

Doch wie groß sein Ansehen auch immer sein mag, in Fudschaira deutet nichts darauf hin, dass der weltberühmte Diego Maradona in der Stadt ist. In den Straßen ist nirgendwo sein Bild zu sehen. Im Suq werden Datteln, Gewürze, Früchte und Fleisch angeboten, die Fischhändler säubern und entgräten ihren Fang auf Hackblöcken, und Schneider bieten die traditionellen Kandura-Gewänder feil; doch niemand in Fudschaira verkauft Fußballtrikots oder Maradona-Devotionalien. Selbst auf der Straße vorm Stadion, wo sich der Eingang zwischen ein Elektrogeschäft, einen Fliesenladen, einen Immobilienmakler und eine Bäckerei drängt, ist vor dem Eintreffen der Legende zum Abendtraining alles ruhig. Und das, obwohl Zuschauer herzlich willkommen wären.

Der Klub erwacht zum Leben

»Am ersten Tag hat das Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden, weil sonst viel zu viele Menschen gekommen wären. Seitdem ist das Training öffentlich, aber die Leute glauben immer noch, es wäre geschlossen. Deswegen taucht kaum jemand auf«, erklärt Öffentlichkeitsarbeiter Abdullah. Dennoch bereitet sich der Klub auf das Erstehen einer lebendigen Fankultur vor. »Wir lassen gerade neue Trikots herstellen, und demnächst trifft eine Merchandise-Lieferung aus China ein. Wir werden in Fudschaira erstmals einen Fanshop eröffnen und einen weiteren in Dubai«, erklärt er. »Und wir werden das Stadion renovieren, wenn wir in die erste Liga aufsteigen.« Wenn, nicht falls. 

Aber findet er es nicht problematisch, dass Maradona weiter in seinem Haus in Dubai wohnt, statt nach Fudschaira umzuziehen? »Nein, wir bauen ihm doch ein Haus. Es ist in ein paar Tagen fertig, dann zieht er hierher«, beteuert Abdullah. Die Frage, ob Maradona nach dem Training vielleicht ein paar Fragen beantworten könne, dämpft seinen Enthusiasmus jedoch. Er sieht nicht aus wie jemand, der Maradona gerne fragen würde. 

Niemand versteht ihn; sie lachen trotzdem

Unten auf dem Platz ist das Training so gut wie vorüber. Diego Maradona hat die Spieler um sich geschart und ist inzwischen deutlich besserer Laune als bei seiner Ankunft. Er klatscht in die Hände und ruft: »Sehr gute Arbeit heute.« Einige Spieler beginnen Flanken zu üben, und Diego baut sich im Strafraum auf. Die Spieler versuchen nun, für ihren Trainer aufzulegen und manchen gelingt es auch. »Ultima!«, brüllt Diego, letzter Ball. Der geht weit vorbei, also probieren sie es noch einmal. Diesmal ist die Flanke besser, aber immer noch einen Tick zu hoch für Diego Maradona im Strafraum. Er springt hoch, bugsiert den Ball mit der Hand ins Tor und klatscht vergnügt in die Hände. Die Spieler gehen in die Kabine und Maradona schlendert umher, umarmt, lacht. Mit Hilfe seines Dolmetschers erzählt er einem der Einheimischen eine Geschichte, die niemand zu verstehen scheint, trotzdem lachen sie.