Zu Besuch bei Frankreichs Kultklub Saint-Etienne

Willkommen in der
grünen Hölle!

Wolfsburg reist in der Europa League nach Saint-Étienne. Der Klub ist seit den Siebzigern ein französischer Mythos. Die schwarze Stadt feiert ihre Verlierer – und alte, eckige Torpfosten. Unsere lange Reportage.

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Heft: #
207

Dieser Text entstand für unsere Ausgabe #207, die hier im Shop erhältlich ist. Fans von Saint-Etienne haben ihn (auf eigene Faust) hier komplett übersetzt.

Wenn du Saint-Étienne besuchst, dann weinst du zwei Mal. So sagen sie hier, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Sie sprechen es aus, wie Priester aus dem Buch Mose zitieren. Einmal weinst du, wenn du ankommst, und das Grau dieser Bergarbeiterstadt siehst. Die teils heruntergekommenen Häuserfassaden, eine Gehwegüberführung im abgeblätterten Gelb der Siebziger und den Rathausplatz mit einem einsam vor sich hinquietschenden, kleinen Karussell. Aber, auch das ist hier eine Gewissheit, zum zweiten Mal weinst du, wenn du die Stadt verlässt. Du weinst, weil du die Menschen dort sofort vermisst.

Die Sehenswürdigkeit von Saint-Étienne sind die Stephanois, die Bewohner der Gegend, die Fans von ASSE. Wer sie kennenlernen will, muss drei Orte besuchen: Die Kneipe, in der sie Fußball schauen. Das Vereinsmuseum von ASSE, das in Wahrheit das Museum von ganz Saint-Étienne ist – dieser Stadt, die wie ein Patient an der Blutinfusion der großen Fußballgeschichte hängt. Und man muss natürlich ins Stadion, ins Stade Geoffroy-Guichard, l’enfer vert, wie sie in Frankreich sagen. Die grüne Hölle.

Lyon gilt als die Stadt der Lichter – in Saint-Etienne wird es nie hell


Im vergangenen Frühjahr haben uns langjährige Fans zu ihren Lieblingsorten mitgenommen. Zuerst ging es in eine Seitenstraße des Altstadtviertels, zum Lipopette. Das ist eine dieser Bars, deren Eingangstür man beinahe übersieht. Die einem nach dem ersten Schritt ins Innere jedoch so groß wie eine eigene, turbulente Welt erscheint. 

Über den langen, braunen Holztresen rutschen die Gläser mit frisch gezapftem Guinness, an der Kasse klemmen Zettelchen mit Botschaften, Notizen oder offenen Deckeln, Flaschen über Flaschen, Blechschilder mit Werbesprüchen der fünfziger Jahre. Das Lipopette ist benannt nach dem Song eines französischen Rappers, es dröhnt wie ein britischer Pub, nur ohne Briten. Ein Laden, in den Leute nicht einkehren, sondern einziehen.


Jeff Vernet

Die Tür geht ständig auf und zu, immer gefolgt von einer herzlichen Begrüßung, Küsschen links und rechts. Ça va? 3:0 als Antwort, das Ergebnis vom Wochenende. Sie alle sind – da hatten sie hier keine Wahl – Fans der AS Saint-Etienne. An diesem Abend im April flackert die Champions League über den Fernseher, mit der der Klub schon lange nichts mehr zu tun hat. Auf einer Tafel mit Holzrahmen daneben hat jemand fein säuberlich die unendlich vielen Biersorten aus dem Angebot verzeichnet.

Jeff Vernet könnte sie alle aufzählen, sagen seine Freunde. Jeff une petite dernière, »ein kleines letztes noch«, nennen sie ihn. 

Jeff ist Mitte dreißig, er leert sein Guinness-Glas, hebt die Augen. Er strahlt mit seinem kurzen Lächeln und den ruhenden Augen eine zufriedene Gemütlichkeit aus. Jeff summt den Gesang auf einen Spieler, der eigentlich technisch limitiert sei, aber eben dieses eine spezielle Tor erzielt habe: Ne jamais oublier, ce soir on va gagner, grâce à Monnet-Paquet – allez allez oh oh. Nie werden sie diesen einen Abend vergessen, an dem sie dank Monnet-Paquet gewonnen haben. Kevin Monnet-Paquet traf im Derby gegen Lyon – und das reicht für die ewige Lobpreisung. Jeff und seine Runde von Fans – Sylvain, Jean-François, Aurélien, Thibault – sie alle mögen fortwährend gemütlich daherparlieren, am Ende landen sie immer beim Nachbarn Lyon. Lyon ist in ihren Worten Babylon. Ihr großer Antagonist.



Sie haben hier eine Schwäche für Stolperer


In Lyon, der Stadt der Lichter, haben sie das Kino erfunden. In Saint-Étienne, der »schwarzen Stadt« mit Bergbau und Metallindustrie, soll es der Nachrede gemäß nie hell werden. Jeff sagt, Lyon sei bourgeoise, und selten hat ein Franzose mehr Verachtung in dieses Wort gelegt. Als ASSE das Derby gegen Lyon 2017 daheim mit 0:5 verlor, da legte sich eine Grabesstimmung über die komplette Stadt. Sylvain macht nur eine Bewegung, er zieht einen imaginären Strick um den Hals und dann nach oben. Der Zustand ist von jeher kritisch bei den Grünen.

Ende der Neunziger bekam Saint-Étienne sieben Punkte abgezogen, weil der Klub die Pässe seiner ausländischen Spieler gefälscht hatte. Damals war die Anzahl von Profis aus nicht-europäischen Ländern noch begrenzt, der Klub wollte die Regel unterlaufen. »Alle haben das damals gemacht, doch nur Saint-Étienne wurde bestraft«, sagt Jeff trotzig. »Und warum? Weil die Leute im Verband mit Lyon verbandelt waren.« Zu jedem guten Nachbarschaftsstreit gehört eben eine große Portion Unterstellung und Missgunst. Saint-Étienne stieg ab, Lyon wurde Anfang der Nullerjahre sieben Mal in Folge französischer Meister. Und strahlte wieder mal heller als der Nachbar.

Saint-Étienne kann mit dem pittoresken Lyon oder der Weltstadt Paris in vielen Belangen zwar nicht mithalten. Doch immerhin fühlt der Besucher hier sofort den Puls der Stadt, auf dem Beton der Straße. Dann, wenn der Ball auftitscht. Während der EM 2016 berichteten Korrespondenten aus Paris von der flauen Stimmung im Gastgeberland. In den Metropolen saßen die Bewohner mit der »Le Monde« im Café und taten, als wüssten sie nichts von einem Fußballturnier. In Saint-Étienne hingegen flogen den Besuchern die Bälle der auf der Straße kickenden Jungs und Mädchen um die Ohren, jedes Geschäft war beflaggt mit Willkommensgrüßen und in Bars wie dem Lipopette überschlugen sich die Stimmen. Sie lieben den Fußball hier – und am meisten diejenigen, denen er zusetzt. In Saint-Étienne haben sie eine Schwäche für Stolperer.