Zu Besuch bei Deutschlands bestem Vorlagengeber Pascal Groß

»Sonst hätte er längst 50 Länderspiele«

Einer, der damals schon dabei war, ist Marco Terrazzino. Terrazzino ist mittlerweile selber Profi, beim SC Freiburg, und noch heute einer der engsten Freunde von Pascal Groß. Sie haben denselben Berater, sie fahren zusammen in den Urlaub, sie spielten zusammen in Neckerau und wurden danach mit Hoffenheim deutscher B-Jugend-Meister. In Karlsruhe, wo sie beide gelandet waren, nachdem Ralf Rangnick sie aussortiert hatte, wohnten sie zusammen mit Hakan Calhanoglu in einer WG. Damals habe Groß ihn und den Hakan oft einfangen müssen, erzählt Terrazzino am Telefon. Aber das sei ja auch logisch, sagt er, ein Türke, ein Italiener, ein Deutscher, da ist ja wohl klar, wer für die Ordnung sorgt.

Einen Siegeswillen wie beim Pascal habe er noch bei keinem erlebt, von der Einstellung her sei der eine Maschine. Er könne laufen wie ein Pferd und spielen wie eine echte Nummer Zehn. Es sprudelt aus Terrazzino raus, er lobt seinen Freund, er jubelt fast. Nur bei einem Thema wird er ernst. Ob sein Kindheitsfreund nicht mehr Respekt verdient hätte in Deutschland, vielleicht sogar einen Platz im DFB-Team? Terrazzinos Stimme geht nach oben, er regt sich auf. »Da hört man nichts! Ich verstehe das nicht. Der Junge spielt überragend. In der Premier League. Und keiner bekommt es mit. Was soll das?«

»Sonst hätte er längst 50 Länderspiele«

Was Terrazzino nicht anspricht, ist das große Problem von Pascal Groß: die Sache mit der Schnelligkeit. Er könne da ja gar nichts für, sagt sein Vater, aber er sei nun mal nicht der Schnellste. »Sonst hätte er längst 50 Länderspiele.« Doch im heutigen Fußball geht nichts ohne Tempo, nie äußerte sich das so deutlich wie im WM-Sommer und in den Monaten danach.

Der Umbruch nach dem Debakel, er soll mit Spielern wie Serge Gnabry und Leroy Sané gelingen, mit Sprintern, die von ihren Kollegen Mopeds genannt werden. Doch Pascal Groß ist kein Moped. Fragt man ihn selbst nach der DFB-Elf, wird er nicht ernst wie sein Freund Terrazzino, im Gegenteil, er beginnt zu träumen und driftet in ganz großes Pathos ab. »Ich würde mein Leben geben, wenn ich bei einer Weltmeisterschaft auf dem Platz stehen könnte. Mein Leben würde ich geben. Aber ich bin auch Realist. Wahrscheinlich habe ich da auch in Zukunft schlechte Karten.«

Er trägt keinen Designerrucksack

Zehn Minuten nach dem Abpfiff öffnet sich in den Stadionkatakomben von Brighton eine große Flügeltür aus hellem Holz. Wobei das Wort Katakomben es nicht wirklich trifft. Nichts hier ist duster und modrig. Die Mixed Zone ist für die Fernsehkameras penetrant gut ausgeleuchtet, vor den Werbetafeln sind Zickzack-Wege durch Absperrgurte wie am Flughafen exakt vorgegeben, die Wände sehen aus, als wären sie gestern gestrichen worden. Viel weiß, etwas blau, fleckenlos, fast steril.


Foto: Norman Konrad

In der Mixed Zone, in der die Journalisten der Stadt auf markige Sprüche für die Zeitung von morgen hoffen und Premier-League-Mitarbeiter in schwarzen Premier-League-Anzügen beim Warten wichtig aussehen, beim Warten auf Max Mayer und seinen Designerrucksack zum Beispiel, dem sie dann den Weg zum Gästebus erklären müssen – erst links, danach geradeaus, aber warten Sie noch kurz, die Fans machen draußen gerade Radau – tritt also Pascal Groß aus der Flügeltür ins Licht. Sein Körper verschwindet in einem dunkelblauen Trainingsanzug, seine Stirn unter einer dunkelblauen Wollmütze. Er schaut starr nach vorne und läuft zügig an den Journalisten und wartenden Premier-League-Anzügen vorbei. Die einen haben keine Fragen, die anderen ihm nichts zu erklären, vielleicht erkennen sie ihn aber auch gar nicht als Profi, er trägt ja keinen Designerrucksack.

»Ich kann den Trainer verstehen«

Höchstens die versteinerte Miene könnte ihn verraten. Ist er angefressen? Wegen der Auswechslung? Trotz der drei Punkte? Schlummert in diesem stets als Mannschaftsspieler angepriesenen Kerl vielleicht doch irgendwo ein riesengroßes Ego? »Quatsch«, sagt Groß. Sein Gesicht hellt sich auf, er lächelt fast. »Ich kann den Trainer verstehen, es stand 1:0 und wir waren einer weniger, also wollte er hinten gut stehen und nach vorne mit langen Bällen spielen. Glenn macht solche Bälle mit dem Rücken zum Tor viel besser fest als ich. Heute war wichtig, dass wir zu Hause weiter gewinnen.« Warum er dann so schnell hier raus wollte? »Na ich will rüber, auf die andere Seite vom Stadion. Da wartet meine Familie.«


Foto: Norman Konrad

Dann verabschiedet er sich, verlässt die Mixed Zone und läuft zügig quer über den Platz. Er steigt auf der anderen Seite die Treppen der Gegentribüne hoch, öffnet eine Glastür und verschwindet in der Players Lounge. Gleich wird er seinen Vater umarmen, seine Freundin, und dann, nicht zu spät, werden sie gemeinsam nach Hause fahren und das Spiel analysieren. Stephan Groß wird Pascal Groß sagen, was gut war und was schlecht. Pascal Groß wird zuhören und es sich zu Herzen nehmen. In vier Tagen ist ja schon das nächste Spiel, da will er wieder abliefern, besser sein als beim letzten Mal. Vielleicht bekommen das dann ja irgendwann auch die Leute in seiner Heimat mit.