Zu Besuch bei Deutschlands bestem Vorlagengeber Pascal Groß

»Er war nur am Dribbeln, spielte nie ab und war ständig am Rummaulen«

Einen Tag vor dem Spaziergang am Strand scheint in Brighton die Sonne. Die fetten Möwen, die bei stürmischem Wetter über der ganzen Stadt kreisen, watscheln träge umher. Würde nicht ab und zu ein Busfahrer mit blau-weißem Schal um den Hals in seinem Doppeldecker sitzen, man würde nicht viel davon mitbekommen, dass in ein paar Stunden ein Spiel angepfiffen wird, das für viele Fans das Spiel des Jahres ist: Brighton & Hove Albion gegen Crystal Palace, Seagulls gegen Eagles.



In den Siebzigern wurde Brighton von Allen Mullery und Palace von Terry Venables trainiert. Zwei Männer, die einst Teamkollegen gewesen waren und die sich schon während ihrer gemeinsamen Zeit bei Tottenham nicht hatten riechen können. Als Mullery dann nach einer Niederlage von einem Palace-Fan mit Kaffee übergossen wurde, bewarf er diesen mit Kleingeld und pfefferte einen in England mittlerweile legendären Satz hinterher: »Nicht mal das seid ihr wert, Palace.« Seitdem ist das Tischtuch zwischen den Vereinen zerschnitten.

Schon nach einer halben Stunde wird Groß ausgewechselt

Groß steht nach drei Monaten Verletzungspause, der ersten seiner Profikarriere überhaupt, endlich wieder auf dem Platz. Das am Knöchel sei eine knifflige Sache gewesen, seltenes Problem, komisches Band. Die Hütte ist voll, 30 000 im Falmer Stadium. Schnell ist klar: Groß hat am Ball mehr drauf als der Rest. Seine Pässe geben dem Spiel Tiefe, immer, wenn er eine Idee hat, wird es gefährlich. Er kommt heute über rechts, dabei trifft er auf Max Meyer, der bei Palace seit einigen Wochen im linken Mittelfeld eingesetzt wird. Und der ist, wenn man so will, ebenfalls das genaue Gegenteil zu Groß.


Foto: Norman Konrad

Denn auch über Meyer wird immer gesprochen, im Sommer gab es ein großes Wechseltheater, einen Weltklassespieler wollte sein Berater in ihm gar entdeckt haben. Meyer hat Länderspiele auf dem Konto, Meyer ist eine Person von öffentlichem Interesse. Meyer macht sich im Gegensatz zu Groß mit langen Hosen und Handschuhen warm. Doch Meyer spielt nur quer. Früh geht Brighton mit 1:0 in Führung, Glenn Murray, der alte Haudegen im Sturm von Brighton, verwandelt einen Elfmeter zur Führung. Aber: Schon nach einer halben Stunde wird Groß ausgewechselt.

»Er war nur am Dribbeln, spielte nie ab und war ständig am Rummaulen«

Weil sein Teamkollege Shane Duffy nach einer Art Kopfnuss vom Platz fliegt, opfert Brighton-Coach Hughson seinen kreativsten Spieler. Groß guckt verwirrt, als seine Rückennummer auf der Anzeigetafel erscheint. Dann schüttelt er sich kurz, joggt zur Mittellinie und klatscht Leon Balogun ab, der für ihn kommt und die Verteidigung stärken soll. Mit seinem ersten Ballkontakt schießt Balogun das 2:0. Die Fans im Stadion reißt es von den Sitzen, sie klatschen hektisch wie Menschen in Stummfilmen oder strecken ihre Mittelfinger so weit in Richtung der Palace-Fans wie möglich, sie singen in kleinen und größeren Gruppen Schmähgesänge auf die Rivalen. Spätestens beim 3:0, das noch vor der Pause fällt, rasten sie komplett aus. Manche werden später von der besten Stimmung sprechen, die sie hier je erlebt haben.

Nur für einen läuft es nicht nach Plan. Früher, als Pascal Groß noch jünger war, da konnte es in solchen Situationen, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte, wenn etwas nicht klappte, zwischen ihm und seinem Vater richtig krachen. Damals trainierte Stephan Groß seinen Sohn und dessen Kumpels in Neckarau. Zu allen Jungs war der Ex-Profi streng, zu seinem eigenen noch ein bisschen strenger. »Er war nur am Dribbeln, spielte nie ab und war ständig am Rummaulen«, sagt der Vater heute. Also pfiff er damals in den Trainingsspielen extra gegen den Sohn. Wenn der sich darüber beschwerte, manchmal gar jähzornig wurde, schickte er ihn unter die Dusche. Abends, am Esstisch im Hause Groß, musste die Mutter dann schlichten.