Zu Besuch bei Deutschlands bestem Vorlagengeber Pascal Groß

»Du bist nicht nur mein Vater, du bist auch mein bester Freund«


Foto: Norman Konrad

Vergangene Saison machte Pascal Groß alle 38 Spiele für Brighton. Stephan Groß verpasste kein einziges. Wenn man so will, ist er ein Allesfahrer. Er sitzt dann auf der Tribüne, innerlich extrem angespannt, aber äußerlich ruhig. Er flucht nicht und jubelt kaum, eigentlich sagt er 90 Minuten lang kein Wort. Er schaut stur aufs Spielfeld, um später in der Analyse die entscheidenden Szenen genau ansprechen zu können. Und er hofft inständig, dass seinem Sohn bloß kein Fehler unterläuft.

Schließlich kenne er ja das Geschäft, sagt er, und wisse daher, wie schnell das alles gehe. Bergauf, bergab, alles hänge von Kleinigkeiten ab. »Ich bin froh, dass ich all diese Momente mit meinem Vater teilen kann«, sagt Pascal Groß. »Der Calli« sagt Stephan Groß, während sein Sohn fotografiert wird und ihn nicht hören kann, »hat mir mal das schönste Kompliment der Welt gemacht. Er meinte: Du bist nicht nur mein Vater, du bist auch mein bester Freund.«

»Viele sehen das hier nicht gerne, Hunde im Restaurant«

Stephan Groß klopft sich mit der rechten Faust auf die linke Brust. »Er ist schon etwas sentimental. Das weiche Herz hat er von seiner Mutti.«Eine Stunde später sitzen Pascal Groß und sein Vater in einem Café. Weil er seinen Hund dabei hat, erkundigt sich der junge Groß zunächst, ob sie überhaupt hier Platz nehmen dürfen. Er geht also vor zum Tresen, fast ein wenig schüchtern, und fragt mit ruhiger Stimme, die so gar nicht zu dem passt, was man sich unter einem Premier-League-Multimillionär vorstellt, ob das okay sei mit dem schwarzen Labrador. »Viele sehen das hier nicht gerne, Hunde im Restaurant.«

Dabei zählt Brighton eigentlich zu den liberalsten Flecken im Land. Die Grünen schneiden bei Wahlen traditionell gut ab, seit Jahrzehnten ist Brighton für seine große LGBT-Community bekannt. In den schmalen und flachen Häusern der Innenstadt findet man Läden für vegane Schuhe, vegetarische Restaurants und Geschäfte, die Holzspielzeug und bunte Tücher verkaufen. Dass Groß ausgerechnet in der 300 000-Einwohner-Stadt südlich von London gelandet ist, war kein Zufall. Das hat allerdings nichts mit vegetarischen Schuhen zu tun. Sondern mit Statistik. Und mit Klubbesitzer Tony Bloom.

Kann ich euch trauen, traut ihr mir wirklich?

Der rettete dem Verein 2009 den Hintern. Finan-ziell war Brighton am Ende, sportlich dümpelte das Team durch die dritte Liga, seit zehn Jahren gab es nicht mal mehr ein eigenes Stadion. Brighton musste sich mit anderen Vereinen ein Leicht-athletikfeld teilen, das einst ein Zoo gewesen war. Die provisorischen Bauzauntribünen lieh man jeden Sommer für ein bisschen Geld nach Schottland zu Golfturnieren aus. Doch Bloom, in Brighton geboren, sein Leben lang Fan und als professioneller Pokerspieler und Gambler – Spitzname »The Lizard« – zu sehr viel Geld gekommen, übernahm den Klub und finanzierte ein neues Stadion.


Foto: Norman Konrad

Auch sportlich gab er eine neue Richtung vor. So wie er seine Wetten platzierte, also auf Grundlage von Daten und Zahlen und Wahrscheinlichkeiten, so suchte Bloom mit seinen Scouts von nun an auch nach Spielern für Brighton. Nach Spielern, die sonst keiner auf dem Schirm hatte. Nach Spielern, die statistisch überragten. Spieler wie Pascal Groß vom FC Ingolstadt. »Als wir über den Wechsel verhandelten, legte Brightons Scout plötzlich einen 50-seitigen Bericht auf den Tisch. Da stand alles über mich drin. Was ich kann, was ich nicht kann. Das hat mich beeindruckt.« Man kann sich gut vorstellen, wie Groß danach den Trainer mit seinen grünen Augen musterte, wie er hin und her überlegte, kann ich euch trauen, traut ihr mir wirklich? Denn Vertrauen, das betont Groß immer wieder, sei das Wichtigste. Am Ende sagte er zu und wechselte für drei Millionen Pfund nach England.