Zu Besuch bei Deutschlands bestem Vorlagengeber Pascal Groß

Der will doch nur spielen

Pascal Groß ist der beste deutsche Fußballer ohne Länderspiel. Als Strippenzieher von Brighton and Hove Albion hat er sich in der Premier League längst einen Namen gemacht. Wann bekommt er endlich auch in Deutschland den Respekt, den er verdient?

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Hinweis: Die Reportage erschien erstmal im Januar 2019, in 11FREUNDE#206.

Kaum ein Spitzname für Pascal Groß könnte irreführender sein als »Calli«. So nennt Vater Stephan Groß seinen Sohn, er sagt dann in breitem Mannemerisch Sätze wie »der Calli hat gestern gut gespielt«, »war bitter für den Calli, dass der Trainer ihn rausgenommen hat« oder »richtig gut war der Calli bis zu seiner Auswechslung«. Der Calli, das ist in Deutschland eigentlich Reiner Calmund. Massig, laut, emotional freizügig, allein die körperliche Erscheinung ein Statement. Der Calli ist ein Menschenfänger, einer, der einen als Bundesligamanager oder Fernsehexperte seit Jahrzehnten förmlich anspringt, wenn man die Glotze anmacht. Der Calli aus Neckarau, einem Stadtteil von Mannheim, der Calli, der Pascal Groß heißt und nicht Reiner Calmund, ist, spitz formuliert, das genaue Gegenteil.

Denn dieser Calli findet in der deutschen Öffentlichkeit quasi nicht statt. Keine großen Fotos in der »Bild«, keine langen Texte in der »Zeit«, keine Lobeshymnen auf 11freunde.de. Dabei gehört Groß seit Jahren zu den besten und kreativsten Spielern auf seiner Position, im Zentrum des Geschehens, mal auf der Acht, mal auf der Zehn. Da wo die Zeit knapp ist und der Druck hoch. 2014 sammelte er in der zweiten Liga 30 Scorerpunkte. 2017, in seiner letzten Saison für Ingolstadt, bereitete er 98 Torschüsse vor, so viele wie kein anderer Spieler der Bundesliga. Wohlgemerkt bei einem Absteiger, der sich einigelte in der eigenen Hälfte und sich nur ab und zu, mit Bedacht und ohne Risiko, nach vorne wagte.

»Another Assist for Groß«

Doch Pascal Groß sieht Räume auf dem Spielfeld, die anderen verborgen bleiben. Und er hat die Technik, die Bälle mit rechts oder links dort hin zu passen. Vergangene Spielzeit, seine erste bei Brighton & Hove Albion in England, war Groß an fast der Hälfte der Tore seiner Mannschaft direkt beteiligt, sieben schoss er selbst, acht legte er auf. Mit seinem Kopfballtor gegen Manchester United sicherte er dem Team den Klassenerhalt, seine beiden Treffer am vierten Spieltag gegen West Bromwich waren die ersten für Brighton in der Premier League überhaupt.


Foto: imago

Die Fans texteten im Laufe der Saison einen Queen-Song für ihn um, sangen »Another Assist for Groß« statt »Another One Bites the Dust«. Die englischen Experten staunten über das Schnäppchen des Jahres. Sein Trainer Chris Hughton schwärmte vom einflussreichsten Spieler der Mannschaft. Nur in seiner Heimat, in Deutschland, lockte dieser Pascal Groß noch immer keinen hinter dem Ofen hervor. Warum bloß?

»Die Leute sollen bewerten, wie ich spiele«

An einem rauen, grauen Tag im Dezember, englische Südküste halt, läuft Pascal Groß den Strand in Brighton entlang. Es war mal ein Sandstrand, erklärt er, doch weil der Wind die Körner zu oft durch die Luft bis zur Promenade schleuderte, wurde alles mit Steinen beschwert. Auf diesen Steinen soll sich Groß – schwarze Schuhe, schwarze Hose, schwarze Jacke, wahnsinnig grüne Augen – gleich fotografieren lassen. Und dann erzählen, warum er nicht etwas mehr Tamtam macht um seine Person. Warum er nicht häufiger den Leuten in die Ohren brüllt, wie gut er ist, wenn sie nicht von alleine hinhören wollen.


Foto: Norman Konrad

Doch stattdessen zeigt Groß auf die erste Häuserreihe und erzählt, im gleichen Mannheimer Dialekt wie sein Vater, das »ch« also eher »sch« und das »ck« eher »g«, erstmal von den unanständig hohen Mieten in Brighton. »Dreieinhalb Zimmer dort kosten mehr als 3000 Pfund. Ich frage mich: Wie soll sich das jemand mit einem normalen Job leisten können? Auch die Krankenversicherung ist teurer als bei uns. Zum Beispiel haben ganz viele Leute hier schlechte Zähne. Komisch, oder?« Es gibt Fußballer, die nicht wissen, was Menschen mit einem normalen Job verdienen. Und es gibt Fußballer, die verdienen noch wesentlich mehr als Groß. Weil sie sich besser vermarkten. Weil sie sich in den Sozialen Medien um Follower bemühen und Reichweite generieren. Groß postet nichts. »Diese Welt ist für mich fake. Ich bin Fußballer. Es soll nicht darum gehen, wie viele Bilder ich hochlade. Die Leute sollen bewerten, wie ich spiele.«

Vater Stephan weicht ihm kaum von der Seite

Einer, der genau das tut, ist sein Vater Stephan. Beim Spaziergang am Strand ist er auch dabei, er schlendert genügsam, fast verträumt, hinter seinem Sohn her. Gut gegen den Ball arbeite der Calli, sagt er, den letzten Pass könne er spielen wie wenige sonst. Nur mit dem Kopf müsse er besser werden. Stephan Groß, 65 Jahre alt und drahtig, war einst selber Fußballprofi beim Karlsruher SC und später beim VfL Neckarau Pascals Jugendtrainer. Bis heute weicht er ihm kaum von der Seite. Zu jedem Spiel fliegt er von Stuttgart aus rüber nach England, nach London Gatwick, von dort fährt er 30 Minuten mit dem Zug nach Brighton, wo ihn sein Sohn oder dessen Freundin abholt, die ihm auch die Reisen organisiert. Mit Computern hat er es nicht so.