Zu Besuch bei Bixente Lizarazu

»You need balls«

Bixente Lizarazu hat alles erreicht: CL-Sieger, Welt- und Europameister. Nun lebt er am Atlantik. Doch wer glaubt, »Liza« sei Rentner, der irrt. Er surft, plant seinen Olympiastart – und analysiert Klinsis Konzept. Zu Besuch bei Bixente LizarazuImago Ciboure. Ein kleiner Ort kurz vor der spanischen Grenze, 6000 Einwohner. Maurice Ravel ist hier geboren. Die mächtigen Zacken der Pyrenäen sind nur ein paar Autominuten entfernt. Das Haus von Bixente Lizarazu liegt auf einem Hügel über dem Hafen, am Ende einer sehr holperigen Geländewagen-Straße. Lizarazu wartet vor dem Gartenzaun: »Hierher hat sich noch jeder verfahren.«

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Fit wie eh und je sieht er aus. Jede Wette, dass das Sixpack unter dem T-Shirt noch vollzählig ist. Das Haus: zwei Stockwerke, ozeanblaue Geländer, kleiner Pool, Grillstelle, Tischtennisplatte, eine Gitarre am Büro-Schreibtisch. Meerblick, logisch. Vor zehn Jahren hat er das Haus gekauft - aber nur selten darin gelebt. Sieben Jahre FC Bayern, dann Olympique Marseille, noch ein Jahr Bayern - »aber jetzt geh ich hier nie mehr weg. Ich bin nun der Kapitän meines Bootes. Das ist man als Fußballer nie. Das war ein bisschen hart für mich.« Seine Mutter stammt aus Ciboure, Lizarazu ist in Hendaye aufgewachsen, ein paar Kilometer weiter südwestlich.

Auf der Terrasse: zwei hölzerne Mini-Tore. »Hier spiele ich mich meinem Sohn immer eins gegen eins.« Der Sohn ist 13 und hört auf den Namen Tximista. Das ist Baskisch und bedeutet Blitz. Was für ein Name für einen Jungen! Welle, die kleine Tochter, ist bei der Mama auf dem Arm: Claire Keim, eine französische Schauspielerin und Sängerin. Lizarazu setzt Kaffee auf - und erzählt dann los wie der sprichwörtliche Wasserfall.

Kein braver Phrasendrescher

Die Erinnerung an Olympia ist bei ihm noch sehr wach. Für den französischen Fernsehsender Canal plus berichtete er aus Peking von den Spielen der Fußball-Nationalmannschaft - und von seinen Begegnungen mit eher fremden Sportarten. »Es war meine erste Olympia-Teilnahme, wenn auch nicht als Athlet. Jeden Tag durfte ich eine Disziplin ausprobieren und mit den Athleten trainieren. Am besten hat mir Ringen gefallen, auch wenn ich mir dabei ein wenig die Schulter verletzt habe. Spüre ich heute noch. Aber auch Turmspringen war nicht schlecht. Ich bin allerdings nur bis zum Fünfer gekommen. Es fiel gar nicht so auf, dass ich mittrainiert habe, weil auch die Springer vom Zehner nicht gleich ganz oben, sondern zum Warmwerden weiter unten anfangen. Und beim Turnen habe ich diesen Deutschen getroffen - wie heißt der noch mal? Ja genau, Hambüchen. Wir haben ein bisschen über den FC Bayern gesprochen, er ist ja ein großer Fan.«

Zwei Jahre nach dem Ende seiner aktiven Karriere ist Lizarazu dem Fußball immer noch eng verbunden. Er kommentiert die Spiele der französischen Liga sowie die der Champions League, spricht im populärsten Radiosender und schreibt für die Sportzeitung L’Équipe. Er ist kein braver Phrasendrescher, sondern ein Mann mit einer Meinung - und die sagt er auch in die Kamera. Dass Raymond Domenech nach dem EM-Debakel immer noch Nationaltrainer ist, ist ihm ein Rätsel: »Es gibt mindestens vier französische Trainer, die diesen Job besser machen würden als er: Arsène Wenger, Didier Deschamps, Laurent Blanc oder auch Lyons Coach Claude Puel.« Lizarazu mischt sich ein, stößt Diskussionen an, bildet sich fort, weiß um die gewachsene Bedeutung von Kommunikation im modernen Fußballgeschäft. Er will mit der Szene in Kontakt bleiben - spätere Festanstellung nicht ausgeschlossen.

Dass seine alten Mannschaftskollegen Oli Kahn und Mehmet Scholl ebenfalls unter die Kommentatoren gegangen sind, wusste Lizarazu zwar nicht, es interessiert ihn aber: »Und? Machen sie das gut?« Zu den Spielkameraden von früher hat er kaum noch Kontakt, lediglich zu Landsmann Willy Sagnol. »Der hat gerade eine harte Zeit bei Bayern.« Die hatte Lizarazu auch - ganz am Ende. »Der letzte Monat mit Magath war nicht schön. Aber ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich habe immer alles gegeben.« Dennoch ist München und der FC Bayern jeden Tag auch an der Atlantikküste präsent - in Form von Weißbier. »Steht immer im Kühlschrank. Das einzige Bier, das ich überhaupt trinke.« Zum Abschied vom FCB hatte ihm der Bayern-Sponsor eine mittlere Wagenladung vor die Tür gestellt - jetzt bestellt Lizarazu einfach nach.

»2006 haben sie besser gespielt«

Sehr viel mehr mag Lizarazu über die alten Tage gar nicht mehr sagen, spricht lieber über den neuen FC Bayern des Jürgen Klinsmann. Als Lizarazu zu Bayern kam, war Klinsmann gerade gegangen. Dessen Defensivsystem ist dem ehemaligen Verteidiger suspekt: »Dreier- statt Viererkette: So hat Deutschland früher gespielt, mit Libero und zwei Vorstoppern. Ich verstehe Klinsmann nicht.«

Dennoch sieht er für die Bayern durchaus Chancen in der Champions League: »Sie sind auf dem richtigen Weg. Die Einzelspieler haben schon das Talent und die nötige Qualität dazu. Aber wenn der Wettbewerb läuft, kann es schwierig werden. Da ist der FC Bayern wie Olympique Lyon: unangefochten in der Liga, aber mit Problemen in der Champions League.« Auch der deutschen Nationalmannschaft stellt er ein eher durchwachsenes Zeugnis aus: »2006 haben sie besser gespielt als jetzt bei der EM 2008, viel offensiver.«

Doch der Fußball-Anteil in Lizarazus Leben hat abgenommen. Neben der gerade gewachsenen Familie und dem täglichen Sportprogramm (Tennis, Jiu-Jutsu, Laufen) bestimmt vor allem der Ozean seinen Tag. Wenn gute Wellen gemeldet sind, packt er das Surfbrett ein, fährt die drei Minuten runter zum Hafen, steigt in sein Boot und fährt raus aufs Meer, oft mit Guy Forget, dem ehemaligen Weltklassetennisspieler, mit Quiksilver-Boss Pierre Agnes oder seinem Bruder Peyo, der im Nachbarort lebt und ein weltbekannter Big-Wave-Rider ist. Hawaii, Tahiti - Lizarazu traut sich so einiges zu an großen Wellen, weiß aber seine Grenzen durchaus einzuschätzen. »Es gibt Wellen, in denen du dir keinen Fehler erlauben kannst - sonst bist du tot.«

Und so hat er sich die Monsterwelle in Teahupoo auf Tahiti nur aus der Distanz angesehen und lässt auch die Hände vom Brett, wenn Bruder Peyo mit ein paar Kumpels Richtung Belharra fährt. Die wohl größte Welle Europas bricht sich ein paar Kilometer vor Ciboure mitten im Atlantik. Nur mit Hilfe des Jet-Skis schaffen es die Surfer überhaupt hinein in diese gigantische Hochgeschwindigkeitswelle. »Das ist nichts für mich. Dafür liebe ich mein Leben viel zu sehr.« Die Welle am Münchner Eisbach, erstaunlicherweise recht bekannt in der Szene, hat er auch mal ausprobiert - allerdings nur ein Mal: »Zu kalt.«

»Es wird alles so viel professioneller, auch im Surfen«

Praktisch vor seiner Haustür, ein paar Kilometer weiter nach Norden, findet Mitte September immer der Quiksilver Pro-Weltcup in Hossegor statt. Den lässt sich Lizarazu nicht entgehen. Kelly Slater, der zuletzt Zweiter in Hossegor wurde und kurz vor dem Gewinn seines neunten Weltmeistertitels steht, ist für Lizarazu ein Phänomen. »Er ist einer der besten Athleten aller Zeiten.« Nur die Story, dass er eigentlich nicht trainiert, die nimmt er dem Überflieger Slater nicht ab. »Das geht heute nicht mehr. Es wird alles so viel professioneller, auch im Surfen. Slater verrät halt nicht alle seine Geheimnisse.«

Aus einem seiner großen Wünsche macht Lizarazu dagegen kein Geheimnis: Er würde gerne als Sportler an Olympischen Spielen teilnehmen. Und als er einmal in den französischen Alpen mal wieder sein Sportarten-Spektrum erweiterte und sich auf dem Skeleton-Schlitten in die Bobbahn von La Plagne traute, waren die Schlagzeilen perfekt: »Lizarazu plant Olympia-Start in Vancouver 2010«. Richtig ist, dass er tatsächlich sechs Mal mehr oder weniger ungesteuert runtergesaust ist - nur vom Damen-Start aus, aber immerhin. »Die Konkurrenz in Frankreich wäre überschaubar. Aber ich müsste viel trainieren, wäre wieder zu wenig zu Hause. Aber eins steht fest: Für diesen Sport gilt: You need balls.«

Irgendwie hat die Zeit mit Oli Kahn doch abgefärbt.