Würde die Uefa Russland wirklich disqualifizieren?

Freunde stehen zusammen

Die Uefa rasselt mit den Säbeln: Bei einem erneuten Fehlverhalten seiner Fans droht Russland das EM-Aus. Doch wie realistisch ist dieses Szenario?

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Nach dem Ausschluss auf Bewährung für den russischen Verband wegen der Ausschreitungen in Marseille stehen die Anhänger der Sbornaja in Lille unter besonderer Beobachtung. Wenn Russland heute gegen die Slowakei antritt, werden die Geschehnisse auf den Rängen des Stade Pierre-Mauroy für UEFA und Presse mindestens genauso interessant sein wie das Spiel auf dem Platz. Bleibt es ruhig? Und was, wenn nicht?

Die Antwort scheint einfach – ist sie aber nicht. Denn mit einem Ausschluss der Russen stünde die Uefa vor weiteren Problemen.

Was muss passieren, damit Russland endgültig disqualifiziert wird?
Das liegt im Ermessensspielraum der Uefa. In der Pressemitteilung zur Russland-Causa erklärte der Verband am Dienstag, dass die Bewährung des Ausschlusses aufgehoben werde, sollten sich Vorfälle »of a similar nature« während des Turniers bei einem russischen Spiel im Stadion wiederholen.

Sprich: Ob der russische Mob prügelnd durch Frankreich zieht und Innenstädte verwüstet, ist für die UEFA ohne Relevanz. Die Disziplinarkommission belangte den russischen Verband RFS einzig für die Ereignisse im Stade Vélodrome – also innerhalb des Zuständigkeitsbereichs der UEFA -, als Russen einen englischen Block stürmten.

Welche Ausmaße mögliche Krawalle im Stadion annehmen müssten, um zum Ausschluss zu führen, bleibt einzig der UEFA überlassen. Reichen Böllerwürfe? Rassistische Gesänge? Oder doch nur weitere Blockstürme? Eine Antwort muss die UEFA finden. Von dem weiteren Verlauf unberührt bleibt nur die Disziplinarstrafe von 150.000 Euro für den russischen Verband – bei einer Antrittsprämie von acht Millionen Euro pro EM-Teilnehmer ein laues Sümmchen.

Wie realistisch ist ein russischer Ausschluss?
Er ist nach wie vor schwer vorstellbar. Allein aus sportpolitischer Sicht: Russland hat großen Einfluss im Weltsport, auch und gerade im Fußball. Die nächste Weltmeisterschaft findet in zwei Jahren im Land von Staatspräsident Putin statt, der Kreml-Chef pflegt beste Kontakte in die olympische Familie und die FIFA.

Hinzu kommt, dass UEFA-Interimspräsident Ángel María Villar Llona durchaus als Freund des russischen Sports bezeichnet werden kann. Der 66-jährige Spanier hat einen interessanten Nebenjob: Er steht dem Bureau 2018 FIFA World Cup Russia vor. Das heißt: Er ist Kopf des WM-Teams der FIFA, wo er unter anderem mit Sportsfreund Witali Mutko zusammenarbeitet, seines Zeichens russischer Sportminister.

Mutko war am Samstag bei den Ausschreitungen in Marseille im Stadion, winkte kurz vor Beginn des Blocksturms in Richtung der Fans. Igor Lebedev, Mitglied des RFS-Exekutivkommittees, äußerte später, Mutko hätte sicher mitgekämpft, wäre er auf der Tribüne gewesen. Mutko dementierte dies.

Villar Llona äußerte sich dazu bislang nicht. Wie schon im vergangenen Jahr, als interne FIFA-Ermittler bei ihm vorstellig wurden, um ihn zu möglichen Korruptionsvorgängen rund um die WM-Vergabe nach Russland 2018 zu befragen. Die FIFA-Ethikkommission drückte Villar Llona eine 25.000-Euro-Sperre auf – verschmerzbar für einen der Big Player im Weltsport.

Und dieser Mann soll ausgerechnet Russland von der EM ausschließen? Denkbar, vielleicht. Realistisch? Eher nicht.