Wolfgang Funkel über das Wunder von der Grotenburg

»Wir hätten ihn gelyncht«

Doch der Anschlusstreffer sollte durch einen Foulelfmeter fallen. Haben Sie daran geglaubt, mit dem 2:3 die Wende einleiten zu können?
Nein, da noch nicht. Zunächst war das nicht mehr als Ergebniskosmetik. Ich habe mir einfach meine Lieblingsecke, vom mir aus gesehen die rechte, ausgesucht und ihn reingemacht, ohne mir groß  Gedanken zu machen. Zu dem Zeitpunkt hat noch keiner auf dem Feld, der Trainerbank oder im Stadion daran geglaubt, dass wir Dresden aus dem Wettbewerb schmeißen.

In der 79. Minute haben Sie dann den entscheidenden Handelfmeter zum 6:3 verwandelt. Dieses Ergebnis hätte bereits für Weiterkommen gereicht. War Ihnen in diesem Moment die Bedeutung des Elfmeters bewusst?
Ja, und wie. Vor dem Strafstoß wurde ich plötzlich extrem nervös. Ich habe mir denn Ball zurechtgelegt, zu den anderen Spielern geblickt und konnte ihnen ansehen, wie viel Hoffnung sie in meinen Schuss legten. Sie standen da, hielten die Hände auf dem Kopf und warteten völlig gebannt auf meinen Schuss.

Hat sich das auf Ihre Nervosität ausgewirkt?
Als ich das gesehen habe, musste ich schon einige Male tief Luft holen. Auch mein Anlauf war ungewöhnlich lang. Ich bin eine halbe Ewigkeit zum Anlauf zurückgegangen und habe überlegt, in welche Ecke ich schießen soll. Dann laufe ich, wähle meine Lieblingsecke – und drin. Der Ball hatte genau zwischen die Hände des Keepers und den Pfosten gepasst.

Und dann fiel Ihnen Ihr Bruder in die Arme.
Ja, erst mein Bruder, dann alle anderen. Ich hätte das ganze Stadion umarmen können. Die ganze Anspannung war mit einem Schuss wie weggeblasen. Für mich war klar, dass ich den entscheidenden Treffer geschossen hatte. Doch ich war so kaputt, dass ich eine Pause gebraucht hätte.

Anstatt einer Pause wartete ein Europapokalfight auf Sie. Dresden kam zurück.
So komisch es klingt: Dresden ist aufgewacht und hat sofort wieder Druck gemacht. Auf einmal waren wir wieder die Gejagten. Bei jedem Dresdner Angriff wurden wir nervöser und haben die Bälle nur noch unkontrolliert weggehauen. Unser Keeper, Werner Vollack, musste noch die eine oder andere Parade zeigen. 

Doch dann die 86. Minute: Wolfgang Schäfer kommt an den Ball und netzt nach einem 80-Meter-Solo zum 7:3 ein.
Der hätte eigentlich zu meinem Bruder passen müssen. Schäfer läuft aus spitzem Winkel auf Ramme zu, mein Bruder steht mittig völlig frei und könnte den Ball ganz locker ins leere Tor schieben. Doch Schäfer schießt den Torwart an, bekommt den Ball wieder vor die Füße, und er macht das 7:3. Wenn er den Ball nicht reingemacht hätte und die Dresdner wären noch zu ihrem Treffer gekommen, hätten wir ihn gelyncht.  

Sie sollen nach dem Schlusspfiff geschluchzt haben: »Mir ist ganz schwindelig vor Glück«.

Das weiß ich nicht mehr so genau. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich nach dem Spiel keine Stimme mehr hatte und nur rumgepiepst habe. Schließlich haben wir uns während des Spiels fast durchgehend angeschrieen, um uns hochzupushen. Nach jedem Tor sind wir noch lauter geworden. Und bei der Ehrenrunde wurde dann nur noch geschrieen.

Wie haben Sie gefeiert, als das Schreien nachließ?
Wir haben in der Kabine noch ein paar Bier getrunken, später in  Krefeld was gegessen und uns dann in alle Winde verstreut. Ich bin mit Matthias Herget in die Düsseldorfer Altstadt gefahren.

Eine Kneipentour?
Tour nicht direkt. Wir sind nur in eine Kneipe gegangen: »Die Pille«. Der Chef kannte mich flüchtig. Er kam zu unserem Tisch und sagte: »Glückwunsch, das war ja ein Super-Spiel.« Als ich dann Matthias kurz vorgestellt habe, fragte der Chef: »Spielst Du auch Fußball?«

Und Hergets Reaktion?
Matthias musste ganz schön schmunzeln. Schließlich spielte er schon in der Nationalelf. Aber er ist ja ein lockerer Typ. Also haben wir den Chef aufgeklärt und hatten noch einen richtig schönen Abend.