WM 2006: Zizou vs. Brasilien

Tanzeinlagen ohne Partner

Französische Revolution. Den Aufschwung des eigentlich schon ausgedienten Teams umströmte etwas Märchenhaftes. Der Siegtreffer in der 57. Minute war so zwingend wie wenige Tore bei dieser Weltmeisterschaft. Von der linken Seite zirkelte Zidane einen Freistoß auf den zweiten Pfosten, wo sich Henry davonstahl und vollstreckte. 1:0. Es war, kaum zu glauben eigentlich, im 60. gemeinsamen Länderspiel von Zidane und Henry das erste Tor, das der Stürmer auf Vorlage des Strategen erzielte.

Der Dozent für Schaulustige

Noch viel denkwürdiger aber brannten sich Szenen ein, die den Fluss des Balles am Fuß des Magiers glorifizierten. Zinédine Zidane trug goldene Schuhe, als ob er seinem Werkzeugkasten künstlich Glanz verleihen müsste. Er gab den Dozenten für Schaulustige, alles, was er anstellte, gelang. Es war, als dürften Azubis ihren Vorgesetzten zur Arbeit begleiten.

In der Anfangsphase wurde Gilberto als Zidanes Leibwächter abgestellt, schon bald entzog er sich dem Job, so chancenlos war er. Die brasilianischen Superstars hechelten neben und hinter Zidane her, stellten und umkreisten ihn, und manchmal grätschten sie nach den goldenen Schuhen. Bloß an den Ball gelangten sie nie. Zidane beherrschte Raum und Gegner wie zu seiner Blütezeit. Locker, lässig, leicht stolzierte er durch den Mittelkreis, wich auf die Flügel aus, nahm Tempo aus der Partie und forcierte es. Wie ein menschliches Navigationsgerät dirigierte er seine Kollegen dorthin, wo er sie haben wollte. Dann eine Richtungsänderung, ein Antritt, der punktgenaue Pass. Es waren Tanzeinlagen ohne Partner, eine Ball-Nacht.

»Seine Leistung hat Sie überrascht? Mich nicht.«

Zidanes Überlegenheit war kein Selbstzweck - nein, selbst der Zweck war bedient. Keine Pirouette, kein Sohlenstreichler, kein Heber diente der maliziösen Demütigung, jede Bewegung enthielt Sinn und Ziel. Er streute viele einfache Pässe ein, doch die Brasilianer waren unfähig, den Spielcode zu dechiffrieren.

Bei so viel Hochachtung besteht die Gefahr, zur mythischen Überhöhung neigen. Lassen wir deshalb Nationaltrainer Domenech sprechen, der Fragen mit Gegenfragen beantwortete. Etwa dieser: »Seine Leistung hat Sie überrascht? Mich nicht. C'est Zidane.« Das ist Zidane.



Und das auch. Neun Tage nach der Brasilien-Gala rammte Zidane seinen kahlen Schädel in die Brust des Italieners Marco Materazzis. Sein ewig rätselhafter Konflikt zwischen stoischer Ruhe und unkontrolliertem Jähzorn hatte mal wieder nach einem Ventil geschrien, diesmal als letzte, wirklich allerletzte Amtshandlung als Fußballprofi. Ohne ihn konnte Frankreich dieses Endspiel nicht gewinnen. Die Legende des Zinédine Zidane aber ließ der Ausraster von Berlin eher noch anwachsen. Denn am Ende sind es erst die Fehler und Makel, die einem Helden seine unverwechselbare Kontur verpassen.

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