Wird es in Russland zu Ausschreitungen kommen, Kevin Miles?

»Es war brutal«

Kevin Miles war 2016 in Marseille, als 200 russische Hooligans 3000 englische Fans durch die Straßen jagten. Nun ist er trotzdem nach Russland gereist. Keine Angst? 

imago

Kevin Miles ist Geschäftsführer der »Football Supporters Federation« (FSF) und betreut in Russland die englischen Fanbotschaften. Jeden Spieltag gibt er mit seinen Mitarbeitern das Fanzine »Free Lions« heraus, das man hier herunterladen kann: http://www.fsf.org.uk/free-lions

Kevin Miles, Sie waren am 11. Juni 2016 in Marseille, als etwa 200 russische Hooligans mehrere tausend Engländer durch die Stadt jagten. War es wirklich so schlimm, wie später berichtet wurde? 

Es war der reinste Horror. Eine der schlimmsten Erfahrungen, die ich in 40 Jahren als Fußballfan gemacht habe. Die Hooligans waren perfekt ausgestattet, fast militärisch. Sie hatten Messer, Waffen, Mundschutz, trainierte Kämpfer. Es war brutal. Das Schlimmste aber: Sie trafen nicht auf englische Hools, wie es oft hieß. Sie prügelten auf normale Fans ein. 

Haben Sie die englischen Fans von den Vorfällen von Marseille abschrecken lassen? 

Es kann gut sein, dass einige sich gesagt haben: Wenn in Russland die Hools normale Typen aufmischen, dann bleibe ich lieber zuhause. Dabei sollten die Engländer eigentlich wissen, dass man nicht von einer kleinen Gruppe auf ein ganzes Land schließen kann. Für Dekaden hatten wir das Problem, dass andere Fans von uns dachten, wir seien alle Hooligans. Auch sie hatten die Bilder von prügelnden Engländern im Kopf, vergaßen aber, dass diese nur eine klitzekleine Gruppe waren.

Wie viele Engländer sind denn nach Russland gereist? 

Ähnlich viele wie 2014 in Brasilien. Aber das hier ist natürlich ein europäisches Turnier, es sind nur wenige Stunden von London nach Russland. Daher kann man sagen: Die Zahlen sind niedrig. Aber es ist zu vereinfachend, Marseille dafür als einzigen Grund zu nennen. 

Liegt es auch an der Vorberichterstattung? Vor der WM kündigten russische Hooligans in einer BBC-Dokumentation ein »Festival der Gewalt« an. 

Ach, ich habe vor jedem Turnier so eine Dokumentation gesehen. 

Alles Unsinn also? 

Nein, Russland hat eine Hooliganszene. Die Berichte sind nur sehr einseitig und reißerisch. Vor der WM in Brasilien gab es hysterische Berichte über Drogenbanden und Kriminalität in den Favelas. Vor der WM in Südafrika warnten die Medien die Fans vor den kriminellen Townships und den Rassenkriegen. Und als 2012 die EM in der Ukraine stattfand, hieß es, an jeder Ecke würden Neonazi-Hooligans lauern. Vor jedem Turnier bringt irgendein englischer Sender eine Horrorstory über das Land, in das wir reisen.