Wir waren bei der »Kick Off 2«-Weltmeisterschaft in Schweden

Italiener, Norweger, Engländer und vier Lehrer aus Osnabrück

Stender ist einer jener Spieler, die das Turnier ernster nehmen als andere. Vor wichtigen Partien zieht er sich in eine Ecke zurück oder verzichtet schon mal auf das Mittagessen mit den Kollegen, um »fokussiert zu bleiben«. Für die meisten jedoch ist die WM eine Art großes Klassentreffen. In der Hotellobby fallen sich Spieler aus Italien, Spanien, England in die Arme, es herrscht allgemeines Bedauern, dass die griechischen Spieler wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage auf den Trip nach Schweden verzichtet haben.

Die Liebe zu diesem alten Videospiel hat die Teilnehmer erst in einem Internetforum zusammengeführt, durch die seit 2001 jährlich stattfindenden Weltmeisterschaften sind Freundschaften entstanden, die längst auch ins Leben abseits der 8-Bit reichen. Die Turniere sind dabei mit einem höllischen Aufwand verbunden. Jedes Jahr finden sie in einem anderen Land statt, der jeweilige Gastgeber hat dann für eine geeignete Location sowie Unterkünfte für die Teilnehmer zu sorgen, abseits von ganz grundsätzlichen Fragen der Organisation, wie etwa: Wo bekomme ich fünfzehn Amiga-Konsolen und geeignete Fernseher her?

»Ich freue mich auf die WM wie andere Menschen auf Weihnachten«

Die Organisation für die WM in Landskrona hat Jørn Flagdtvedt Meinertz
übernommen. Meinertz lebt in Dänemark, arbeitet als Sozialarbeiter in Norwegen, könnte mit seinen tätowierten Armen und dem akkurat gescheitelten Undercut aber auch überteuerten Kaffee in Berlin-Mitte zubereiten. Er ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was das Klischee vom Game-Nerd besagt, vor allem aber ist er das Herz der Veranstaltung und der Gruppe. Ein volles Jahr hat er sich neben der Arbeit um die Ausrichtung der WM gekümmert, über EBay geeignete Fernseher zusammengeklaubt und mit seinem Co-Ausrichter das Vereinsheim der Landskrona BoIS als Location klargemacht, mit fantastischem Blick ins Stadion des Drittligisten, auch wenn das einige der ehrgeizigeren Spieler wegen der Lichtreflexe eher stört.

Und auch wenn seine Frau zu meckern begann, je mehr Zeit für die WM-Planung draufging, und er selber behauptet, er würde die Organisation nicht noch einmal übernehmen, ahnt man doch, dass er das sehr wohl tun würde. »Ich freue mich jedes Jahr auf die WM wie andere Menschen auf Weihnachten«, sagt er. Auch er spricht mit einer gewissen Ernsthaftigkeit über dieses alte Videospiel, über Vor- und Nachteile der in den unterschiedlichen Ländern vertriebenen Joysticks, seine bevorzugte taktische Marschrichtung (der Spieler kann insgesamt aus vier verschiedenen wählen) und wie alles anfing, mit seinem Schulfreund »Gaming-Knut«, der als einziges Kind in der Nachbarschaft einen Amiga besaß. Eine Weile moderierte Meinertz sogar einen Podcast zum Thema.

Italiener, Norweger, Engländer und vier Lehrer aus Osnabrück

Vor allem aber sprüht der 44-Jährige zwischen den Spielen vor lauter Verve, auch wenn er einen gehörigen Kater von der Willkommensparty am Vorabend mit sich herumträgt, moderiert Zwischenergebnisse oder auch die Abendplanung, albert mit den Teilnehmern rum und ist mit seiner lässig-charmanten Art der Kitt zwischen den prinzipiell sehr unterschiedlichen Menschen, die sich hier zum Turnier eingefunden haben.

Zwei Kumpels aus Bremen sind mit ordentlich Bier im Kofferraum nach Landskrona gekommen und widmen sich diesem mit einer ähnlichen Ernsthaftigkeit wie ihr Kollege Oliver Stender dem Spiel. Ihnen gegenüber sitzt Dagh Nielsen, ein dänischer Mathematiklehrer, von dem es heißt, er spiele Kick Off 2 wie andere Menschen Schach. Thor Skaug, der Exil-Norweger, der extra aus Seattle angereist ist. Lorenzo Lozito aus Italien, der sich die Grundlagen der Elektrotechnik beibrachte, um sich einen eisernen, knapp zwei Kilo schweren Joystick zu bauen, was ihn ein Jahr und wahrscheinlich viele Nerven kostete, nun aber mit einem schwer zu übersehenden Stolz erfüllt. Andy aus England, Jaime aus Spanien, vier Lehrer aus Osnabrück, die einst einen Amiga in ihrer Studenten-WG stehen hatten und nun, längst Familienväter und fest im Job, die WM als Möglichkeit verstehen, einmal im Jahr ihre Unizeit wieder aufleben und es ordentlich krachen zu lassen.