Willkommen, Ingolstadt!

Der Hüne, der Verrückte & die Audianer

Der Aufstieg des FC Ingolstadt 04 hat sehr unterschiedliche Väter: einen Weltkonzern, einen Selfmade-Millionär mit seltsamen Utopien und einen Torwart, der aus der Landesliga kam. Willkommen, Ingolstadt!Imago  Michael Lutz war alles zuzutrauen, nur das nicht. Von der ersten bis zur letzten Minute der Saison war auf den Torwart Verlass gewesen. Keine Verletzung, keine Sperre, keine Fehler. Mit seiner unaufgeregten Art hatte der 26-Jährige dem FC Ingolstadt 04 Sicherheit verliehen, doch kaum war der Aufstieg in die 2. Liga perfekt, brach der 1,92-Meter-Hüne zusammen. Er hängte sich an Vereinschef Peter Jackwerth und heulte ihm das Aufsteigerhemd voll. Nach der Ehrenrunde, der Bierdusche und dem Siegertanz heulte Lutz immer noch und stammelte: »Ich freu’ mich! Nürnberg, Sechzig, geil!« Und seine Pranken wischten die Tränen aus den Augen.

Michael Lutz ist im hochgezüchteten Kader der Oberbayern der einzige Spieler, der den Weg von der Landesliga in die 2. Liga von Anfang an mitgemacht hat. Während fast alle Teamkollegen mindestens Zweitligaerfahrungen aufweisen und ihre Rückkehr feierten, beheulte Lutz die Erfüllung seines Traumes. 2003 war der gelernte Buchbinder aus dem Dörfchen Reimlingen zum Landesligisten MTV Ingolstadt gewechselt. Der damals 21-Jährige war als Ersatztorwart eingeplant – und wurde die Nummer eins. Das gleiche Spiel wiederholte sich im Trikot des FC 04 in der Bayernliga und in der Regionalliga. Als Thorsten Fink im Januar 2008 Trainer wurde, dachte er zunächst: »Oh je, wir brauchen einen neuen Torwart.« Heute sagt Fink: »Michael ist unser großer Rückhalt, er hat in der 2. Liga mein Vertrauen.«
Auch Peter Jackwerth, der Aufsichtsratsvorsitzende des FC 04, wurde zunächst nicht ernst genommen. Als die maroden Stadtvereine MTV und ESV um Hilfe bettelten, war der gelernte Mechaniker und Selfmade-Millionär bereit, dem Ingolstädter Fußball auf die Beine zu helfen. Aber nur unter einer Bedingung: MTV und ESV, die 1979 in der 2. Liga Süd gegeneinander gespielt hatten, sollten fusionieren. Welch Utopie! Die »Schanzer« und die »Eisenbahner« waren dermaßen verfeindet, dass im Vergleich dazu der FC Bayern und der TSV 1860 ein Liebespaar in der Hochzeitsnacht abgeben könnten. Jackwerth, der Zugereiste aus dem schwäbischen Nördlingen, wurde schlicht für verrückt erklärt.

Zwei Monate später hatte der Chef einer Zeitarbeitsfirma sein Ziel erreicht: Die Fußballsparten von MTV und ESV traten aus ihren Muttervereinen aus und schlossen sich zusammen. Die Tradition war tot, die Zukunft konnte beginnen. Ganze 23 Mitglieder wählten Jackwerth zum Ersten Vorsitzenden. Im Alter von zwei Jahren erklomm das aufgepäppelte Retortenbaby die Regionalliga, weitere zwei Jahre später folgte nun der Sprung in die 2. Liga. Das ist deutscher Rekord, noch nie hat ein Verein vier Jahre nach seiner Gründung in der 2. Liga gespielt. »Vor vier Jahren haben alle über unsere Ziele gelacht«, jubelte Jackwerth, 50, neulich auf dem Rathausbalkon, »jetzt ist hier der Teufel los«. Und die Spieler grölten: »Ohne Peter wär’ hier gar nichts los.«

Tatsächlich ist der Klub das Kind von Peter Jackwerth und nicht etwa ein Werksklub der örtlichen Audi AG, wie viele vermuten. Der Autohersteller hielt sich lange Zeit vornehm zurück. Erst 2006, als die 2. Liga zur realistischen Perspektive wurde, stieg er als Trikotsponsor ein. Jackwerths Firma zahlte zwar nach wie vor das meiste Geld, doch den Häuptlingen der »Audianer«, wie in Ingolstadt alle Mitarbeiter genannt werden, gefiel die Probefahrt. Jetzt, nach dem Aufstieg, schalten sie knackig hoch: Bereits zugesagt sind fünf Millionen Euro im Voraus für das Namensrecht am neuen Stadion, das 2010 eröffnen soll. Dazu kommen etwa 2,5 Millionen Euro Sponsoring pro Saison.

Schon jetzt bewegt sich der FC 04 mit seinem Zwölf-Millionen-Etat in der oberen Hälfte der Liga. Audi-Manager Andreas Schleef, der auch Aufsichtsratsmitglied des FC 04 ist, sagt schon mal an: »In zwei, drei Jahren müssen wir uns mit der Bundesliga befassen.« Klar, die AG versteht sich als Gobal Player im Premiumsegment und wird nicht lange mit zweitklassigem Gekicke zufrieden sein. Noch ist der Neuling ein Mäzenatenkind à la Hoffenheim, doch wenn er nach oben will, braucht er das Geld des reichen Patenonkels mit den vier Ringen. Und je mehr der gibt, desto mehr wird er mitreden wollen. Ob in Ingolstadt ein neuer Werksklub wie in Leverkusen oder Wolfsburg entsteht? Michael Lutz darf davon träumen, noch einmal den Heulhünen zu geben.