Wieder Stimmung in Hannover?

»Wir wagen einen Neubeginn«

Die Ultras und die aktive Fanszene von Hannover 96 kehren ins Stadion zurück, weil sich der Verein bei ihnen entschuldigt hat. Der nächste Streit steht aber schon bevor.

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Es ist einiges los in Hannover: Samstag fertigte Leverkusen die Niedersachen mit 4:0 ab, es war für 96 das dreizehnte Spiel in Folge ohne Sieg. Mit dem teuersten Kader der Vereinsgeschichte kämpft Hannover gegen den Abstieg. »Die aktuelle Situation ist eine Belastung für beide Seiten, in erster Linie jedoch für die Profimannschaft von Hannover 96«, schreibt der Verein heute. Wenige Stunden zuvor war Trainer Tayfun Korkut entlassen worden, und seitdem geistern die ersten Namen möglicher Nachfolger durch das Netz. Von Volker Finke ist da zu lesen – und von Peter Neururer.

Aber das ist längst nicht alles.

Am Montagnachmittag geschah etwas, das es so vermutlich noch nicht im deutschen Profifußball gegeben hat: Ein Verein entschuldigte sich bei den Fans. Die Ultras und andere aktive Anhänger von Hannover 96 hatten vor Saisonbeginn ihren Abschied aus der Kurve erklärt, die Gräben zwischen ihr und dem Vorstandsvorsitzenden Martin Kind schienen unüberwindbar. Monatelang hatten die Fans eine Entschuldigung vom Verein gefordert. »Die wird es von uns nicht geben«, hatte Kind erst vor kurzem gesagt.

Heute, um 15 Uhr, veröffentlichte der Verein aber doch eine Entschuldigung auf seiner Homepage. »Beiden Seiten ist bewusst, dass sie Fehler begangen haben. Wir wagen einen Neubeginn«, steht dort. Der 96-Fandachverband »IG Rote Kurve« sagt dazu: »Die von Hannover 96 veröffentlichte Erklärung werten wir als eine Entschuldigung für einige Fehler der vergangenen Jahre.« Und die Ultras erklärten auf ihrer Homepage: »Wir haben den Eindruck gewonnen, dass sich die Wahrnehmung von Fans grundlegend geändert hat.« Ab Samstag, beim Heimspiel gegen Hoffenheim, wollen sie wieder in der Nordkurve stehen.

Zuletzt war es immer leiser in Hannover geworden. Statt der Gesänge aus der Nordkurve war es an Heimspielen so still wie auf einer Beerdigung. Auswärts fuhr fast niemand mehr mit, Zeugen berichten von den ersten rechtsextremen Fans, die in das Vakuum schlüpften, das die Ultras und große Teile der aktiven Fanszene hinterlassen hatten. Diese organisierten ihre Choreographien ab Saisonbeginn nur noch für die zweite Mannschaft. Echter Fußball, wie die Ultras es nannten. Mit den Profis und der Martin-Kind-Rhetorik vom »Produkt 96« hatten sie abgeschlossen.

»Vor allem die Profis belastete es«

Doch waren nicht nur die Ultras und aktiven Fans, eine ganze Generation drohte mit dem Abschied. Um die Beziehung wieder aufzuhübschen, liefen seit Januar in kleiner Runde Gespräche zwischen Verein und Anhängern. Der Impuls kam von der Fanbetreuung. Die große Frage hieß: »Wie finden wir wieder zueinander?« Vereinsvertreter, Ultras, Fanbetreuung und die IG Rote Kurve tauschten sich regelmäßig aus. Das Ergebnis sind die heute veröffentlichten Mitteilungen.

Aber wie war es überhaupt zu dem Zerwürfnis gekommen?

Martin Kind, der den Verein seit seinem Amtsantritt 1997 vor allem als Unternehmen begreift, war in der Vergangenheit nie sonderlich gut auf die Ultras zu sprechen. Manchmal vergriff er sich auch in der Wortwahl. Er nannte sie wahlweise »Arschlöcher« oder «Pseudo-Fans«. Im Februar 2013 löste die Anreise nach Bremen einen riesigen Polizeieinsatz am Bahnhof in Achim aus. Kind lobte die Polizei für das konsequente Handeln. Es gab 434 Ermittlungsverfahren. Eingestellt wurden: 434.

Und so ging es seit Jahren: Die Fahne von Fritz Haarmann im Fanblock – für die Ultras Folklore, für Kind die unnötige Ehrung eines Serienmörders. Die Ausschreitungen beim DFB-Pokal-Spiel gegen Dresden, die Schließung des Fanladens, Streichung des Ticketkontingents – Fanszene und Verein lagen seit Jahren im Clinch, und die Liste wurde immer länger. Bis der Streit vollkommen eskalierte. Beim Niedersachsen-Derby gegen Braunschweig im Herbst 2013 lieferten die 96-Fans erst eine gigantische Choreographie, dann brannte fast 90 Minuten Pyrotechnik. Martin Kind schäumte vor Wut. Für den Unternehmer war das keine Werbung für sein Produkt 96, sondern schlicht Gewalt.