Wiedenbrück gegen Sandhausen: Ein Selbstversuch

Yucca Palmen, Immanenz und Studtrucker

Vier Torabschlüsse, zwei mediokre Konter des SC Wiedenbrück. Während ich darauf warte, dass Hempel von »Kampf und Krampf« floskelt, entscheide ich mich, erstmals in dieser Legislaturperiode meine Topfpflanze zu gießen. Die ist neben dem abgestorbenen Basilikum-Bäumchen auf der Küchen-Fensterbank schließlich das einzige botanische Element der Wohnung. Gehört zum Abend, will notiert werden. Aus Unkenntnis muss ich den Namens des Gewächses nachschlagen: Eine Yucca Palme. Als ich zurückkomme, steht es 1:0 für Wiedenbrück. Ein Mann namens Sebastian Sumelka kann sein Glück kaum fassen.

Wie man vielleicht bemerken kann:

Ich schweife ab so dann und wann.

Gehe nach einer Stunde jede Wette ein, dass dieses Spiel immer noch mehr Menschen vor dem Fernseher verfolgen, als ich bisher flache Pässe gesehen habe. »Ball ins Aus geköpft, die Menschen hier freut es«, versucht sich Hempel an einem seelischen Porträt der Stadt Rheda-Wiedenbrück. »Wir sind alle Zombies«, schallt es kehlig aus der heimischen Kurve zurück.
Hempel ist mir indes stets eine Ebene voraus, sinniert über Fußball-Immanenz. Erwägungen zu Husserl, Kant, Schelling und Deleuze memorieren das anstehende Semester, mein Blick wandert zum druckfrischen Vorlesungsverzeichnis und bleibt auf einem Seminar ruhen: »Lyrik. Sprache. Alterität.« Immer montags von 10.00 bis 14.00 Uhr. Schnell zurück zum DFB-Pokal, der SV Sandhausen hat Einwurf. An der Mittellinie.

So geht das, wenn man

keine Grenzen setzen kann.

Ranisav. Klar. Kopfball. Klarer. Zweites Tor. Unklar. Katalogisiere mental noch meinen Kenntnisstand zur Ziffer »2«, als David Ulm die Pille unter das Wiedenbrücker Aluminium schweißt. David trifft also für Goliath. Hat er die Steinschleuder falsch herum gehalten? »Verrückte Welt«, denke ich, als das dritte Sandhäuser Tor innerhalb von sechs Minuten fällt. Wieder Ranisav, die alte Klatschpappe.


Doch was diese Grenzen anbelangt,

so ist bekannt, ja anerkannt,

dass sie meistens fließend sind.

Ganz unterhaltsam mittlerweile. Erst die Tore, jetzt macht Zweitliga-Keeper und Pokalheld Manuel Riemann seinen Hattrick ins Seitenaus geprügelter Abschläge perfekt. Mir ist unwohl, bis mich selige Gedanken an die 11FREUNDE-Chefs Köster und Kirschneck, Arminia-Fans seit Menschengedenken, ereilen: An der Mittellinie wird Studtrucker gelegt. Leider nicht mehr meine Zeit. Dass ich meine Hoffnungen nun an Sandhausens Dampfwalze Frank Löning knüpfe, ängstigt mich und wohl auch meine Mutter, wenn sie das liest. Hoffnungslos müsste man sein.

Allein ich war nicht sicher –

würden wir verweiln?

Kurz vor Schluss geht Wiedenbrücks Massih Wassey wider Willen Duschen. Ich wünschte, ich wäre es gewesen, der Danny Blum feldverweisreif gelegt hätte. Nicht, um mich für den Namen »Danny Blum« oder sein strähnig-schmutzblondes Haar zu revanchieren. Sondern um duschen gehen zu können. Erwische mich trotzdem mit einem Lächeln. 1:3. Keine Verlängerung.

Ich war in Gedanken fort.

Dies schien ein perfekter Ort

für derlei Plauderei zu sein

und mir fiel nichts Besseres ein.