Wie Zorniger in Stuttgart scheiterte

Die letzte Patrone

Zurück auf dem Boden der Realität! Mit dem Rausschmiss von Alexander Zorniger beerdigt der VfB Stuttgart frühzeitig seine Vision vom bedingungslosen Angriffsfußball.

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Die Euphorie war riesig. Als die Schwaben im Sommertrainingslager 2015 im Zillertal jedem noch so aussichtlosen Ball nachpreschten, schien eine neue Zeitrechnung begonnen zu haben. Gestählt von zwei nervenaufreibenden Abstiegskämpfen in Folge, war die Elf des VfB Stuttgart zur Schicksalsgemeinschaft verschmolzen. Mehr noch: In der Rückrunde der Saison 2014/15 hatten die Eleven von Feuerwehrmann Huub Stevens soviel Selbstbewusstsein getankt, dass sie zaghaft auch von sich aus wieder das Spiel machten. Und nun trat mit Alexander Zorniger ein Coach an, der den Klub mit seiner Idee von bedingungslosem Angriffsfußball ein ganzheitliches Konzept verordnen sollte. Damit das Ländle wieder voller Stolz auf seinen VfB blicken konnte. Selbst im unwahrscheinlichen Falle einer Niederlage, so die Devise, wollte man den Zuschauern eine atemberaubende Show geboten haben.

Zorniger schien genau der Richtige für die ambitionierte Mission. Einer, der sich einen Dreck um sein breites schwäbisches Idiom scherte. Der drauflos keifte wie einst die kettenrauchenden Schleifer der frühen Achtziger. Ein Gegenentwurf zu vergeistigen Philosophen wie Pep Guardiola. Und trotz unverkennbarer Parallelen in Sachen Adrenalin-Pegel auch keine gewiefte Ich-AG der Kategorie Jürgen Klopp. Alexander Zorniger hatte seine Überzeugung und er hat auch bis zur Entlassung am Dienstag keinen Hehl daraus gemacht, dass er um jeden Preis daran festhalten werde.: »Ich habe keinen Druck«, so sagte er im Juli, »wenn ich mit meinen Ansprüchen und dem Konzept von ständiger Aktivität, Mentalität, Emotion und Tempofußball keinen Erfolg habe, muss ich damit leben. Aber ich werde mich nicht verbiegen.« Mit anderen Worten: Dann gelten die Gesetze des Profifußballs eben nicht für mich.

»Wenn es nicht klappt, dann mache ich eben wieder etwas anderes.«

Dass er ein absoluter Fachmann ist, hatte er zuvor schon auf unterschiedlichster Ebene bewiesen. Sein Kopfsprung ins Profigeschäft empfand er keineswegs als Einbahnstraße, aus der es kein Zurück in niedrig klassigere Bereiche oder sogar andere Sportarten mehr gäbe. »Wenn es nicht klappt,« so Zorniger damals hinter vorgehaltener Hand, »dann mache ich eben wieder etwas anderes.«

Entsprechend selbstbewusst staffierte er seine Denkweise gegenüber Medien aus. Er bemühte das Hollywood-Schlachtenepos »Der Patriot« mit Mel Gibson als US-Bürgerkriegsheld und übernahm dessen Leitsatz für Ansprachen an seine Spieler. »Ich erwarte von Euch nur eins: Dass ihr auch die zweite Patrone abfeuert.« Solch’ martialische Metaphorik ziemt sich seit geraumer Zeit im Profifußball nicht mehr. Gerade deshalb wirkte Zorniger so belebend im zunehmend von Controllern und Marketingexperten regierten Bundesligazirkus.

Und seine Jungs liefen, sie machten, taten und legten sich krumm – und auch Manager Robin Dutt fieberte euphorisch dem Saisonbeginn entgegen, damit der VfB endlich den Beweis erbringen konnte, dass er nach Jahren der Agonie auf den richtigen Weg gefunden hatte.