Wie wird man, wenn man in Paderborn aufwächst?

Muss ja

Der SC Paderborn wird in vier Wochen sein erstes Bundesligaspiel bestreiten. Pader-wer? Nachhilfe von einem, der dort aufwuchs.

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Eigentlich war es in Paderborn den Mönchen vorbehalten, Kutten zu tragen. Aber manche widersetzten sich diesem Gebot – auch wenn ihre Kutten etwas anders aussahen als das, was in den Predigerausstattungsläden rund um den Domplatz so angeboten wurde: Es waren Jeansjacken, denen man die Ärmel abgeschnitten und die man mit Aufnähern verziert hatte. Zum Vereinslogo passten farbige Bänder, die man sich um die Handgelenke band und die beim rhythmischen Klatschen mitschwangen, wenn man nicht gerade ein großes Paderborner Pils in der Hand hatte – und das war eigentlich meistens der Fall.

Die Heimspiele waren feuchtfröhliche Angelegenheiten, bei denen man gern mit leeren (und manchmal auch halbvollen) Bechern nach dem Schiedsrichter warf. In dieser aufgeheizten Atmosphäre wurde Paderborn von 1979 bis 1985 sechs Mal deutscher Vizemeister. Dieses schwarze Provinz-Nest, wo die CDU selbst einen Anti-Charismatiker wie Friedhelm Ost aufstellen konnte, um an die 60-Prozent-Marke zu kommen, war mal eine der Volleyballhochburgen Deutschlands.

Volleyball hieß über viele Jahre die Sportart, die in Paderborn die meisten Zuschauer hatte, weil der VBC wesentlich erfolgreicher war als z. B. der TuS Schloß Neuhaus, wie die damals führende Paderborner Fußballmannschaft hieß. Die spielte in der Westfalenliga gegen den BV Lüttringhausen oder den SC Herford, während sich der VBC mit den anderen Größen im deutschen Volleyball packende Duelle lieferte: Mit Bonn, dem HSV oder dem USC Gießen, der zu 50 Prozent aus Burkhard Sude bestand, damals als »Mr. Volleyball« verehrt. Sie alle wurden an guten Tagen aus der Maspernhalle geschmettert. Den Paderborner Zuspieler Hee Wan Lee, der aus Südkorea kam, nannte man den »Karajan des Volleyballs«. Er genoss zeitweise mehr Popularität als der Erzbischof, in dessen Namen zur selben Zeit im Dom noch Exorzismen durchgeführt werden – zum Beispiel an 14-jährigen Mädchen, die zu früh ans andere Geschlecht dachten.

»Unsre Flagge und die wehet auf dem Maste...«

Aber Fußball? Wie gesagt: der erst 1973 gegründete TuS Schloß Neuhaus und der 1. FC Paderborn (der noch schlechtere Verein), aus denen 1997 schließlich der SC hervorging, führten ein Dasein im Schatten. Erst in dem des Volleyballs, später war dann Basketball populär, auch darin war Paderborn erfolgreicher als im Fußball. Die Kicker spielten zudem etwas abseits der Stadt, wobei das Abseits in einer Stadt, die durch fleißiges Eingemeinden der umliegenden Dörfer im Jahr 1975 stolz die 100.000-Einwohner-Marke zur offiziellen Großstadt überschritten hatte, sehr schnell beginnt. Man kickte im waldnahen Hermann-Löns-Stadion auf ähnlich humorlose Weise, wie der namensgebende Heidedichter einst gereimt hatte: »Unsre Flagge und die wehet auf dem Maste / Sie verkündet unsres Reiches Macht / Denn wir wollen es nicht länger leiden / daß der Englischmann darüber lacht.«

Und der Englischmann hatte in Paderborn wirklich viel zu lachen. Die britische Rheinarmee siedelte nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg ihr größtes Kontingent rund um Paderborn an, weshalb dort schon damals so viele Tätowierte herumliefen wie heute wohl nur im Berliner Mauerpark. Im Gegensatz zu denen machten sie aber die Versprechen, die ihre gruseligen Tattoos verhießen, wahr: Es gehörte nicht viel Pech dazu, von den Tommys verprügelt zu werden, wenn die nach einem Kneipenabend durch die Stadt zogen. Wobei die Auswahl an Trinkstätten durch die vielen »Out of bounds«-Schilder arg limitiert war. Was zum Frust der Unterklassekids aus Leeds oder Nottingham beitrug.

Trotz der omnipräsenten britischen Truppen war Fußball nie das große Ding in Paderborn und Umgebung. In unmittelbarer Nähe der Truppenübungsplätze wurde vielmehr so viel Polo gespielt, dass man glauben konnte, es wäre ein Volkssport. Es gab auch regelmäßige Rugby- und Golfturniere. Das Hermann-Löns-Stadion war hingegen eigentlich nur voll, wenn sich mal ein zweitklassiger Rockstar in die ostwestfälische Provinz verirrte. Dann pilgerten auch die englischen Soldaten dorthin – mit Flaschen voller Whiskey, Gin und Bier, mit denen man sie natürlich nicht reinließ. Zu gefährlich. Also leerten sie die Flaschen in mitgebrachte Müllsäcke, aus denen sie dann im Stadion mit Plastikbechern ihre hochprozentige Mischung schöpften, wobei ihnen von oben die Vögel auf den Kopf schissen, die auf einer Oberleitung saßen, die bis heute direkt über das Hermann-Löns-Stadion führt. Hochspannung kam bei den Spielen des TuS Schloß Neuhaus dennoch selten auf.

Im Sommer: Guiness und »Pimm’s«

Einmal im Jahr luden die Tommys auf den Flugplatz in Bad Lippspringe vor den Toren der Domstadt zur sogenannten »Rhine Army Summer Show« – doch auch da ging es wieder nur um Trinksport. In der Sommerhitze wurde Guiness und »Pimm’s« getrunken – eine verschärfte Sangria-Variante aus Großbritannien. Auf diesem Fest kam die Bevölkerung Südostwestfalens auch mal in den Genuss internationaler Stars wie Joe Cocker. Höhepunkte waren der Besuch der Queen 1977, die huldvoll ihren besoffenen Untertanen zuwinkte. 1996 gab es an dieser Stelle eine Open-Air-Audienz des Papstes.

Überhaupt ist die Kirche in Paderborn ja nicht unwichtig, wobei man in den letzten Jahren einen zunehmend selbstironischen Umgang mit dem Image als rabenschwarze Hochburg pflegt: »Gott sprach, es werde Licht, nur an zwei Orten blieb es finster: Das waren Paderborn und Münster.« Passend zu diesem Reim tragen manche Fußballfans des SC Paderborn bei Auswärtsspielen hohe Bischofsmützen – so gesehen bei einem echten Zweitligakick weiland im Ber­liner Olympiastadion gegen Hertha. Das hatte auf jeden Fall mehr Witz als die öden Totenkopfshirts von Sankt Pauli.

Die bekanntesten Söhne der Stadt: Erwin Grosche und Rüdiger Hoffmann

Das Gute an Paderborn ist ja eh, dass hier niemand größenwahnsinnig wird. Eine Stadt, deren bekannteste Söhne zwei Comedians namens Erwin Grosche und Rüdiger Hoffmann sind, kann natürlich auch immer gut über sich selbst lachen, auch wenn man dem Ostwestfalen mitunter nicht ansehen mag, dass er gerade Spaß hat. Der Aufstieg, das wissen ja auch alle, ist ihnen einfach zugestoßen. Sie haben für ihre Verhältnisse schon gut gespielt, aber die an­deren wollten einfach nicht oder waren irgendwie zu dämlich. Und natürlich ist es auch ganz schön, dass die Dämlichsten der Dämlichen gleich um die Ecke wohnen, in Bielefeld, dieser Stadt, die sich nicht wie Paderborn damit abfinden mag, Provinz zu sein, sondern in ihrer potthässlichen Innenstadt mit vielen Anglizismen in den Kneipennamen größere Städte imitiert.