Wie wir in Casablanca beinahe verhaftet wurden

Revierderby in Marokko

Eigentlich waren wir in Casablanca, um eine Reportage über die Ultras von Wydad AC zu machen. Wenig später fanden wir uns aber in einem Verhörraum der örtlichen Polizei wieder.

Paul Lehr
Heft: #
171

Dieser Text ist eine Ergänzung zu unserer Reportage »Inshalla: Unterwegs mit den Ultras von Wydad Casablanca« aus 11FREUNDE #171. Ihr findet die Ausgabe im Kiosk eures Vertrauens oder bei uns im Shop. Ihr könnt die Ausgabe auch im App-Store (iPhone, iPad) oder im Google-Play-Store (Android-Geräte) kaufen.


»Who is this?«
 
Der Polizist, Typ Inspektor Clouseau, wischt mit dem Daumen über das Display meines Smartphones und schaut sich tatsächlich jedes verdammte Foto an. Mittlerweile ist er dort angelangt, wo es ein wenig unangenehm werden könnte. Er zeigt auf ein Bild, das wenige Tage zuvor auf der 11FREUNDE-Weihnachtsfeier aufgenommen wurde: Zwei Kollegen, die gegen vier Uhr morgens in der Ecke einer Bar sitzen (oder liegen), während ihre Augen in circa acht verschiedene Richtungen blicken. Sieht nach einer Gabba-After-Party irgendwo in Rotterdam aus, denke ich noch, als Clouseau erneut fragt:
 
»Who is this?!«
 
Weil er die Frage diesmal mit ein wenig Nachdruck stellt, versucht der gute Ismael prompt zu beschwichtigen, ein bisschen arabisch, etwas französisch, dazu ein paar beruhigende Handbewegungen. »Alles okay«, sagt er, »das ist nicht in Marokko gemacht worden. Das ist ein Foto aus Deutschland.«
 
Der Beamte lacht, »Germany, ha!«, er ist nun in Fahrt. Wischt ein bisschen weiter, Fotos der Freundin, der Eltern, der Schwester, und dann plötzlich dieses Bild:


 
Das war’s also, denke ich. Ein feuchter Knast in Casablanca. Eingesperrt, für Wochen, Monate, Jahre. Und alles wegen Adolf Hitlers Hoden. Es wäre immerhin ein guter Titel für eine Biografie, die ich irgendwann mit einem Stück Kreide an meine Zellenwand schreiben würde.

In den Knast wegen Adolf Hitler?
 
Unterm Strich wollte ich aber nicht unbedingt hierbleiben, in dieser Stadt, von der viele denken, sie sei ein Ort für Verliebte und Romantiker. Zumindest sagen das die, die nichts weiter als das berühmte Filmplakat kennen: Ingrid Bergmann in den Armen von Humphrey Bogart. In Wahrheit ist die Vier-Millionen-Stadt ein Moloch. Hart, schnell, funktional.
 
»Dieses Bild«, sage ich also. »habe ich zugeschickt bekommen.« Und so war es ja wirklich. Irgendjemand hatte mir diesen »Bild«-Screenshot vor ein paar Tagen in einer von diesen Quatsch-Whats-App-Gruppen geschickt und darunter vermutlich einen mittelmäßig guten Witz gemacht. Blöd war nur, dass es per Auto-Speicherung direkt in meinem virtuellen Fotoalbum gesichert wurde. »Zugeschickt! Per SMS!«, ächze ich hinterher, denke, dass ich die Auto-Speicherung dringend deaktivieren muss, und dann warte ich auf die Handschellen.
 
Aber zu meiner Verwunderung interessiert das Foto Clouseau nicht. Schließlich sagt Ismael: »Es reicht doch nun, oder?« Clouseau nickt, dann sagt er: »Sie dürfen hier in Marokko nicht alles fotografieren. Vor allem nicht uns.« Er löscht ein paar von den Bildern, die ich in Casablanca gemacht habe und gibt mir das Handy zurück.

Die Monsterchoreos von Wydad
 
Die Reise begann ein paar Tage vorher. Wir wollten eine Reportage über die Ultras von Wydad Casablanca machen. Sie nennen sich »Winners 2005«, und sie sind bekannt für ihren prachtvollen Support. Für Gesänge, die so laut sind, dass man sie vermutlich noch an der großen Moschee am Hafen hören kann. Für Choreographien voller popkultureller Referenzen.
 
Einmal, im Sommer 2013, errichteten sie vor ihrer Kurve einen selbstgebauten Hifi-Stereoturm aus Pappmaschee. Ein Monstrum, etwa sechs Meter hoch und 20 Meter breit. Sie hievten mit mehreren Leuten eine überdimensionale Papp-CD in einen Schlitz, während ein paar Jungs im Inneren der Höllenmaschine einen schier endlosen Banner über ein Display zogen, auf dem, gut sichtbar für alle im Stadion, die Titel verschiedener Wydad-Chants geschrieben standen. Alle paar Minuten also, wenn sie das Banner weiterrollten, sang die komplette Kurve den dort angezeigten Titel wie eine menschgewordene Jukebox mit, »Mi Corazon«, »Casa Nostra«, und so weiter.


 
In den sozialen Netzwerken werden die »Winners« für solche Aktionen verehrt wie Popstars, auf Youtube erreichen Videos ihrer Shows oft über eine Million Klicks.
 
Am 21. Dezember sollte das Derby gegen Raja Casablanca stattfinden. 70.000 oder 80.000 Fans – so genau kann das niemand sagen – in einem prämodernen Stadion, das eigentlich nur für 60.000 Zuschauer Platz bietet.