Wie weibliche Fußballfans mit Sexismus umgehen müssen

»Dich würde ich auch gerne mal ohne Trikot sehen«

Sexistische Sprüche und Übergriffe sind immer noch Alltag in deutschen Stadien. Hier erzählen sieben weibliche Fans von ihren Erfahrungen.

Julia Sellmann
Heft: #
191

Mit dem Rücken zur Wand
Nathalie (26), Schalke 04

Von dummen Sprüchen lasse ich mich nicht unterkriegen. »Frauen haben im Fußball nichts zu suchen« oder »Frauen aus der Kurve, damit die Kurve lebt« höre ich zwar an jedem Spieltag, aber ich kann darüber lachen. Auch wenn die Männer, die so etwas sagen, in ihrem Leben nicht halb so viele Spiele gesehen haben wie ich. Auf Schalke hatten wir nie Probleme mit Sexismus. Doch als in der letzten Saison die Tickets vermehrt in den freien Verkauf gingen und immer mehr Fußballtouristen in die Arena kamen, hat sich das verändert. Diese Leute, die Fußball als ein Event wie eine Ballermann-Reise ansehen, machen sich wenige Gedanken über ihr Verhalten in der Kurve.

Mir wurde das während meiner Auswärtsfahrt nach Amsterdam in der letzten Saison deutlich: Viele langjährige Vielfahrer hatten keine Karten bekommen, und stattdessen waren einige unbekannte Gesichter zu sehen. Ich stand an der engen Einlasskontrolle, als plötzlich das sogenannte »Natascha-Kampusch-Lied« ertönte, in dem es darum geht, dass eine misshandelte Frau lüge, für alle da sein solle und eine Schlampe sei. Zuerst waren es nur vereinzelte Stimmen, dann breitete sich der Gesang aus und wurde immer lauter. Ich fühlte mich unwohl und gedemütigt. In einer Gruppe aktiver Fans wäre das nie vorgekommen, dort hätten wir stattdessen ein Schalke-Lied angestimmt. Ich war machtlos. Hätte ich mich beschwert, hätte es geheißen »Stell dich nicht so an«, »Das ist ja nicht so gemeint« oder »Das Lied bezieht sich doch nicht auf dich«. Deswegen konnte ich nur hoffen, dass andere Männer darauf reagieren.

In der Bahn kommt es häufig vor, dass einige Herren ihre Hände »versehentlich« an Körperstellen legen, an die sie nicht sollten. Ich habe mir daher angewöhnt, inmitten von Freunden zu fahren oder stelle mich an eine Wand, um die Möglichkeit gar nicht erst zu bieten. Es ist wie in der Diskothek oder auf anderen Veranstaltungen: Viele finden, es gehöre dazu, dass Männern Frauen mal an den Hintern fassen oder ein paar Sprüche drücken. »Ist ja nur ein Spaß.« Aber für eine Frau, die das jeden Spieltag oder jedes Wochenende erlebt, ist es kein Spaß. Es gehört nicht dazu, und es wäre schön, so etwas nicht mehr erleben zu müssen. Aber solche Leute gehören nicht zu meiner Schalke-Welt dazu oder steigen drei Haltestellen später wieder aus. Mit dem Fußball und seiner Fankultur haben sie nichts zu tun.

Nicht als Zicke dastehen
Mandy (24), SC Paderborn 07

Ich liebe Fußball! Ich liebe die atemberaubende Atmosphäre im Stadion. Der SC Paderborn ist für mich Heimat und Zusammenhalt. Ich fühle mich hier sehr wohl! Aber es gibt auch Dinge, die mich nerven. Dinge, die meine Kumpels nicht erleben und die mir zumeist nur dann passieren, wenn ich ohne männliche Begleitung unterwegs bin. Oft sind es Sprüche. Wenn ein fremder, stark alkoholisierter Typ zu mir sagt »Dich würde ich auch gerne mal ohne Trikot sehen« oder »Ich will ein Bussi von dir, du kriegst auch ein Bier dafür«, möchte ich mich eigentlich nicht davon beeindrucken lassen. Trotzdem führen solche Situationen dazu, dass ich mich schlagartig unwohl fühle.

Dazu kommt die beengte Situation im Stadion, wo man Körper an Körper gedrängt steht. Der eine oder andere Typ rückt da schon mal enger heran und seine Hand rutscht an Stellen, an die sie nicht rutschen sollte. Es klingt hart, aber für mich gehören solche Erlebnisse zum Stadionbesuch dazu, obwohl ich herzlich gerne darauf verzichten würde. Stattdessen gehe ich weg oder sage den Beteiligten, sie sollen mich in Ruhe lassen. Meinen Jungs erzähle ich von solchen Vorfällen nie etwas, weil ich keine Diskussion darüber anfangen und auch nicht als Zicke dastehen möchte. Mit meinen Freundinnen rede ich schon eher darüber. Wir sagen uns dann: »Was für ein Arschloch!« Damit ist die Sache gegessen.

Klar, solche Vorfälle kommen beim Fußball nicht häufiger vor als bei anderen Großveranstaltungen, schließlich handelt es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Doch weil der Fußball schon quantitativ eine Männerdomäne ist, fühlt man sich in kritischen Situationen als Frau noch hilfloser. Am meisten ärgere ich mich dann aber nicht über die Typen, sondern über mich selbst. Beim Spiel habe ich die Angewohnheit, meine Meinung über das, was auf dem Platz passiert, lautstark herauszuschreien. Da ich seit meinem fünften Lebensjahr selber Fußball spiele, traue ich mir auch ein gewisses Maß an Sachverstand zu. Dennoch habe ich festgestellt, dass ich im Stadion leiser und zurückhaltender werde. In den USA, wo ich aufgewachsen bin, ist Fußball Frauensache. Doch als ich mit zehn Jahren nach Deutschland kam, war ich plötzlich damit konfrontiert, dass Frauen angeblich keine Ahnung von Fußball haben. Und manchmal hörte ich sogar: »Frauen haben im Fußballstadion nichts zu suchen.« Das hat mich stark geprägt, obwohl solche Sätze inzwischen seltener fallen, weil die Akzeptanz von Frauen beim Fußball gestiegen ist.

Ingesamt habe ich aber nach wie vor das Gefühl, dass meine Kommentare weniger ernst genommen werden und ich dafür kritische Blicke ernte. Dabei pöbeln die Jungs teilweise viel unsachlicher. Doch von all dem lasse ich mir meinen Spieltag nicht versauen, ich habe gelernt, darüber zu stehen. Außerdem sieht die große Mehrheit mich nicht als Frau, sondern als Fan.

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