Wie unser WM-Reporter ein bisschen Russisch lernte

Ein Mann wie Steffi Graf

Unser Reporter bei der WM kann kein Russisch. Also nimmt er Sprachunterricht. Kann ja nicht so schwer sein.

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Seit einer halben Stunde irrt der Taxifahrer durch den Moskauer Nachmittagsverkehr. Links, rechts, U-Turn, Kreisverkehr, am Ende wartet immer ein Stau oder eine Baustelle. Ab und zu zeigt der Fahrer in den Himmel und sagt etwas. Vielleicht träumt er von einem Flugtaxi, denn das wäre wirklich vorteilhaft in dieser Riesenstadt. Vermutlich spricht er aber nur übers Wetter. Er hebt jedenfalls den Daumen, und weil ich nichts verstehe, hebe ich auch den Daumen, und dann lächeln wir beide. Daumen-Brudis. Als das Taxi nach 45 Minuten vor der Schranke eines Parkhauses hält, sagt der Fahrer wieder etwas, sehr viele Konsonanten, sehr fremde Buchstaben, und ich bin mir sicher, das soll »Wir sind da« bedeuten. Was allerdings nicht stimmt, denn laut Google-Maps liegt mein Ziel, ein Café auf der Straße Arbat, etwa drei Kilometer weiter westlich. »Nono«, sage ich also. »Arbat Street.« Er schaut mich fragend an, und ich denke: Das ist ja wirklich ein Ding, meine erste und einzige Russischstunde verpasse ich wegen fehlender Russischkenntnisse.

Im Hausflur des Lebens

Ich bin nicht besonders talentiert in Sachen Fremdsprachen. Mein Englisch (neun Schuljahre) ist zwar solide, aber ich bin gewiss kein Amerikanische-Filme-gucke-ich-nur-im-Original-ohne-Untertitel-Typ. Mein Französisch (fünf Schuljahre) beschränkt sich hingegen auf einen Satz aus meinem ersten Französischlehrbuch: »Le magnétophone marche.« Der Kassettenrekorder funktioniert. Eine in heutigen Konversationen eher zu vernachlässigende Aussage.

»Mit deiner Muttersprache sitzt du nur im Hausflur des Lebens. Fremdsprachen öffnen dir alle Türen«, hat der Linguist Frank Smith mal gesagt. Vielleicht war es auch nur ein nachdenklicher Spruch auf einer Postkarte (Motiv Sonnenuntergang). Aber egal, stimmt ja irgendwie. Der richtige Satz zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und auf einmal kann ein Leben irre Wendungen nehmen. Alles ist möglich: Drogenkurier in Tijuana, Löwenbändiger bei einem osteuropäischen Wanderzirkus, bester Saufkumpel an der Theke deiner Träume.

Als John F. Kennedy 1963 vor dem Schöneberger Rathaus verkündete, dass er ein Berliner sei, jubelten die Leute. Als Lothar Matthäus ein paar Jahrzehnte später in New York seinem Team »a little bit lucky« wünschte, lachten die Leute. Aber sie schlossen diesen Mann aus Herzogenaurach auch in ihr Herz.

Ein Spaßmacher

Seit einigen Jahren habe ich diesen klischeeartigen Traum von Russland: Ich möchte im Speisewagen der Transsibirischen Eisenbahn, irgendwo kurz vor Wladiwostok, mein Glas erheben und einen flotten Spruch raushauen. Etwa: »Da geht er hin, ein Mann wie Steffi Graf.« Woraufhin der Nachfahre einer russischen Zarenfamilie antworten würde: »Sie sind mir aber ein Spaßmacher.« Ich würde mit ihm danach ein wenig über russische Stummfilmklassiker aus den zwanziger Jahren parlieren und mich anschließend wieder der Lektüre von Iwan Gontscharows Roman »Oblomow« widmen. Natürlich im Original.