Wie UD Melilla den spanischen Fußball von Afrika aus aufmischt

»Hier gibt es alles: Knarren, Messer, Drogen«

Um ein anderes Problem zu verstehen, braucht man Fremdenführer Andrès. Und seinen Kumpel Pablo. Und ein Auto. Denn durch La Cañada, das durch islamistischen Terror zu zweifelhafter Berühmtheit gekommene Armenviertel nahe der marokkanischen Grenze, geht man als Fremder lieber nicht zu Fuß. »Hier gibt es alles«, sagt Andrès, »Knarren, Messer, Drogen.«

Je näher man dem Viertel kommt, das eigentlich nur ein kleiner Hügel mit etwa 12 000 Einwohnern ist (so genau weiß das niemand), desto staubiger werden die Straßen. Bunte Plastiktüten hängen zerfetzt in vertrockneten Pflanzen, verhüllte Frauen huschen über Trampelpfade. Alle 30 Sekunden fährt die Staatsgewalt vorbei, entweder in Form der Policia Local, der Policia National oder in Person von Camouflage-Soldaten auf kleinen Motorrädern.

»Sie beobachten genau, wer herkommt«


Das hat allerdings weniger mit La Cañada zu tun, sondern mehr mit der naheliegenden Grenze und den großen Kasernen dort. Auch der Hügel von La Cañada gehört eigentlich dem Militär. Doch irgendwann fingen marokkanische Einwanderer an, auf der brachliegenden Fläche zu bauen. Andere taten es ihnen gleich. Wasser und Strom wurden angezapft, mittlerweile führen nur noch enge Gassen und kleine Fußwege in das zugebaute Zentrum des Viertels, das von außen mit den in Pastellfarben gestrichenen Häusern längst aussieht wie Marokko. Die Polizei, so heißt es, traue sich nur noch mit mehreren Einsatzwagen her, wenn überhaupt. Spanien habe die Kontrolle über La Cañada verloren, schreiben Zeitungen.


In Spanien heißt es, die Regierung habe die Kontrolle über La Cañada verloren

Fährt man die Straße entlang, die einmal um den Hügel herumführt, sieht man ausgebrannte Autos, aufeinandergestapeltes Gerümpel und Graffiti an den Wänden. »Seht ihr das gelbe Haus«, fragt Andrès und zeigt auf einen unauffällig wirkenden Bau. »Das ist die Salam-Moschee.« Die Salam-Moschee wurde in den vergangenen Jahren zu einem der dschihadistischen Hotspots Europas. Der mutmaßliche Bombenbauer der katalanischen Terroristen, die 2017 in Barcelona und in Cambrils 15 Menschen töteten und 120 verletzten, radikalisierte sich hier.

»Fotografieren dürft ihr nicht, wir können auch nicht anhalten«, sagt Andrès. »Zu gefährlich.« Er deutet mit einer kurzen Handbewegung auf Männer in Kaftanen, die auf Campingstühlen am Straßenrand sitzen, böse gucken, aber scheinbar nichts zu tun haben. »Sie beobachten genau, wer herkommt. Sehen sie, dass jemand aus dem Auto heraus fotografiert, bekommen Pablo und ich in Zukunft Probleme.« Und Probleme kann Andrès, der Stadionsprecher und Ingenieur und Reiseführer, wirklich nicht gebrauchen.

»Wenn du in Melilla ankommst, musst du weinen«

Ist man mit ihm unterwegs, erzählt er viel von großen Plänen und Projekten. Ehe man sich versieht, zeichnet er dann auf einem Blatt Papier Skizzen der aktuellen Sitzplatzverteilung im Stadtparlament auf. 25 Sitze hat das, aktuell reagiert die konservative PP mit absoluter Mehrheit. Noch. Denn längst grabe die VOX-Partei den Konservativen das Wasser ab. »Bei den kommenden Wahlen könnten sie 6000 Stimmen bekommen.«


Andrès Aragon Martinez würde gerne ein neues Stadion bauen. Und einen neuen Flughafen

Andrès steht, sagt er, mit allen wichtigen Politikern der Stadt in Kontakt. Hört sich an, was wer an Projekten für ihn zu bieten hat. Denn, wenn alles gut läuft, das hat zumindest der muslimische Kandidat ihm versprochen, dann hat er bald vielleicht einen dicken Fisch an der Angel. »Steigt Melilla auf, muss das Stadion eine Reihe von Auflagen erfüllen. So dass es eigentlich sinnvoller wäre, ein neues zu bauen.« Dafür gibt es in der Stadt aber keinen Platz. Die Lösung: Andrès baut mit Geld, dass ihm die muslimische Partei bereitstellt, einen neuen Flughafen. Ins Meer. Zumindest für Andrès lässt sich mit der Begrenztheit Melillas gutes Geld verdienen.

Zurück im Estadio Alvarez Claro, zurück bei Präsident Luis Manuel Rincon. Ob es einem hier gefalle, fragt auch er. Es ist, nun ja, sehr interessant. »Es gibt ein Sprichwort«, sagt Rincon dann. »Wenn du in Melilla ankommst, musst du weinen. Und wenn du Melilla wieder verlassen musst, weinst du auch.« Was unter dem Strich bedeutet: In Melilla, am Tor zu Europa, werden jede Menge Tränen vergossen.

Anmerkung: UD Melilla beendete die Saison mit zwei unnötigen Niederlagen und landete schlussendlich nur auf Platz Drei der Tabelle. Trotzdem wurden die Playoffs erreicht. In der ersten Runde setzte sich das Team aus der Exklave gegen die zweite Mannschaft von Villarreal durch. Am vergangenen Wochenende ist der Traum von der zweiten Liga trotzdem geplatzt. Gegen Atletico Baleares verlor Melilla nach einem 0:0 im Hinspiel auswärts denkbar knapp mit 0:1 – und verpasste so die dritte und entscheidende Playoff-Runde.