Wie UD Melilla den spanischen Fußball von Afrika aus aufmischt

Im marokkanischen Hinterland harren knapp 5000 Menschen aus

Hört man sich hier oder bei Andrès oder bei Spielern von UD Melilla um, wie es sich denn lebt in einer Stadt wie dieser, eingepfercht auf wenige Kilometer, umgeben von humanitären Krisen, dann folgt oft eine Gegenfrage: »Wie gefällt es denn euch?« Und dann wird darauf verwiesen, dass Melilla ja eigentlich eine Stadt des Miteinanders sei. Seit fünf Jahrhunderten leben hier Muslime, Christen, Hindus und Juden auf engstem Raum zusammen.

Kinder mit Kippa auf dem Kopf spielen abends auf den sehr spanischen Plazas der Innenstadt Fußball. Fliegt ein Ball aus dem Spielfeld, rollen ihn Frauen in Kopftüchern zurück. Wer die größte Synagoge besuchen will, muss zunächst durch eine von einem muslimischen Wirt geführte Bar laufen. In der selbstverständlich Bier getrunken wird. Was Andrès und die Spieler allerdings nicht sagen: Melilla ist auch eine zutiefst widersprüchliche Angelegenheit, politisch geht längst ein tiefer Riss durch die Stadt.


Zwei junge Melilla-Fans schauen lieber im Schatten  

Trotz des auf den Straßen wirklich sichtbaren Miteinanders ist die stramm rechte VOX-Partei, das spanische Pendant zur AfD, hier so stark wie fast nirgendwo sonst in Spanien. Das Verhältnis zwischen Muslimen, die mittlerweile die Mehrheit der Bevölkerung stellen, und alteingesessenen Spaniern und Militärs, die den Einfluss Marokkos fürchten und eine islamistische Verschwörung wittern, wird immer schlechter. Melilla ist außerdem die einzige Stadt des Landes, in der noch immer eine Franco-Statue steht.

Im marokkanischen Hinterland harren knapp 5000 Menschen aus

Und schlendert man durch das kleine, europäisch wirkende Stadtzentrum mit seinen Jugendstilbauten und dem Parque Hernandez, schlendert man am kleinen Hafen entlang und hört die Musik aus den schicken Bars dröhnen, in denen die Melilla-Profis nach Siegen in Sonnenbrillen und weißen Hosen ihre drei Punkte feiern, dann kann man schnell vergessen, dass nur einige hundert Meter weiter marokkanische Straßenkids in Höhlen am Strand leben. Und dass nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt von hier, im marokkanischen Hinterland, knapp 5000 Menschen ausharren.

Auf dem Monte Gurugu, einem von überall in der Stadt gut sichtbaren Berg, leben sie in wilden Camps, aufgeteilt nach Herkunftsnationen. Und warten auf eine Chance, den Zaun zu bezwingen. Hilfsorganisationen wurde der Zutritt zu den Camps untersagt, die humanitäre Lage ist katastrophal. Entdecken marokkanische Sicherheitskräfte in den Wäldern eines der Lager, wird es niedergebrannt. 100 Millionen Euro ließ sich die EU diese Art von Grenzsicherung allein in den vergangenen zehn Jahren kosten.

Nach der Pause spielt Melilla großartigen Fußball. Das Team, gespickt mit Leihspielern und Wandervögeln, kombiniert sich mehr und mehr nach vorne und trifft nach einer Stunde zur erlösenden Führung. Die Ultras singen, die Irren lachen beschwipst. Melillas Pressesprecher sprintet mit rudernden Armen vor der Haupttribüne entlang, die Menschen klatschen und jubeln, das Bier, das laut den spanischen Ligaregeln gar nicht ausgeschenkt werden dürfte, fließt in Strömen. Zehn Minuten später trifft Menudo, ein trickreicher Zehner, zum zweiten Mal, und die Sache ist durch. »Noch zwei verdammte Spiele«, macht Kapitän Mohamed Mahanan seine Jungs direkt nach Abpfiff in der Kabine schon wieder heiß. Nur noch zwei Siege – und Melilla spielt die so lange ersehnte Aufstiegsrelegation.

»Wie zum Teufel seid ihr auf uns gekommen?«

Am Tag nach dem Spiel sitzt Luis Manuel Rincon in seinem Stadion. Er ist seit drei Jahren der Präsident von UD Melilla und hat in diesen Tagen oft gute Laune. Immerhin legt sein Team die beste Saison seit mehr als 30 Jahren hin. Seit 1987 spielt Melilla ununterbrochen in der drittklassigen Segunda Division B, länger als jedes andere Team. Trotzdem sagt Rincon: »Bevor ich kam, war Melilla ein Chaosklub. Gehälter wurden nicht bezahlt, der Verein war hoch verschuldet, Funktionäre machten sich die Taschen voll. Ich brauchte meine Erfahrung als IT-Unternehmer, um die Situation in den Griff zu bekommen.« Rincon, 43 Jahre alt, seit seiner Kindheit Melillense, bräuchte nicht extra auf seinen Unternehmer-Background zu verweisen. Schließlich trägt er schwarze Slipper, khakifarbene Hosen, ein kariertes Hemd, darüber ein dunkelgrünes Jackett und eine rahmenlose Brille.


Mit Luis Manuel Rincon kam der Erfolg nach Melilla 

Und erzählt jetzt von den vier Säulen der Entwicklung. »Finanzielle Stabilität ermöglicht das Zusammenstellen einer schlagkräftigen Mannschaft. Diese zieht Fans an, und durch gute Kommunikation macht sich der Verein einen Namen.« 1,5 Millionen Euro Schulden habe der Verein vor drei Jahren gehabt, als er anfing. Jetzt seien es nur noch 400 000 Euro. Ob es nicht schwer sei, Profis in eine Stadt wie Melilla zu bekommen? Nein, sagt Rincon. »Wir zahlen ja pünktlich. Das spricht sich rum.« Man habe jetzt, in seinem dritten Jahr, den richtigen Mix aus jungen und erfahrenen Spielern, die Chemie stimme. Außerdem sei Trainer Carrion mit seiner mutigen Spielweise der richtige Mann zur richtigen Zeit. Umso mehr freut sich Rincon, wie alle hier, über die Aufmerksamkeit eines deutschen Magazins. Beziehungsweise fragt er das, was alle fragen: »Wie zum Teufel seid ihr auf uns gekommen?«