Wie Tribünen, Anzeigetafeln und Stadiondächer recycelt werden

Neue Heimat

Auch Stadien und ihr Interieur geraten im Fußball aufs Abstellgleis. Manchmal aber wird ihnen an anderen Orten ein zweites Leben geschenkt

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Alles begann mit einem Brief des OSV Hannover. Als vor ein paar Monaten unserem Heft ein Poster des alten Dortmunder Stadions Rote Erde beilag, in dessen Begleittext von später wieder demontierten Ergänzungstribünen die Rede war, schrieb Carsten Knigge, Vorstandsmitglied des einstigen Zweitligisten aus der niedersächsischen Landeshauptstadt: »Diese wurden aber nicht zu Brennholz, sondern erlebten und erleben eine zweite Karriere als stimmungsvolle Heimstätte des OSV Hannover. Im Jahr 1972 wurde die Holztribüne mit 450 Sitz- und 7000 Stehplätzen als wesentlicher Teil des Oststadtstadions in Hannover-Bothfeld wieder aufgebaut.«

Das kurze Schreiben beflügelte die Phantasie der Redaktion. Ist es nicht ein tröstlicher Gedanke, wenn Stadien als Orte der Sehnsucht und schöner, aufreibender, oft genug auch schrecklicher Erinnerungen gewissermaßen unsterblich sind, weil ihnen nach ihrer Ausmusterung zumindest in Teilen ein neues Leben geschenkt wird? Und haben wir nicht alle schon mal solche Geschichten gehört? Dass die Anzeigetafel auf der Bielefelder Alm ursprünglich aus Barcelona kam? Dass ausrangierte Flutlichtmasten von London nach Dublin verschifft wurden? Dass Zusatztribünen aus den glorreichen Bundesligazeiten des SSV Ulm später beim Beachvolleyball Karriere machten?

Ein Second-Hand-Dealer des Fußballs?

Und wenn die Phantasie erst mal losgelassen ist, dann ist sie nur schwer wieder einzufangen. Was also, dachten wir, wenn diese Zweitverwertungen a) gar keine Einzelfälle sind, sondern ein Massenphänomen? Eines, das überdies b) nicht dem Zufall oder persönlichen Verbindungen geschuldet ist, sondern sich einer Instanz verdankt, die die Sache koordiniert und im Hintergrund die Strippen zieht – eine Art nationaler oder gar globaler Second-Hand-Dealer des Fußballs?

Einige Wochen später können wir diese Fragen einigermaßen seriös beantworten, und zwar so: a) definitiv, auch wenn nicht alles gleichermaßen spektakulär ist, und b) eher nicht. Wobei wir uns bei der Recherche oft so vorkamen, als würden wir in lange zurückliegenden Kriminalfällen ermitteln. Zeitzeugen können oder wollen sich nicht erinnern, Bilder sind verwackelt oder schlecht aufgelöst, manche zunächst belastbare Hypothese löst sich in Luft auf.

»Bielefeld kaufte dem FC Barcelona die Großbildleinwand ab«

Ein gutes Beispiel dafür ist die Sache mit der Bielefelder Anzeigetafel und ihrer angeblich berühmten Vergangenheit. Anfang Oktober 1996 setzten ostwestfälische Herzen für einen Moment aus. Da meldete nämlich der »Kicker«, dass in Zukunft mehr als nur ein Hauch von Glamour die Region durchwehen würde. »Arminia Bielefeld kaufte dem FC Barcelona die alte Großbildleinwand ab«, berichtete das Magazin, »und installierte sie auf der Alm.« Die Anzeigetafel, zu der gerade noch Gheorghe Hagi oder Johan Cruyff hochgeblickt hatten, um sich zu vergewissern, wie es im Clasico gegen Raul und Michael Laudrup stand, würde nun Freistoßtore von Thomas Stratos und Gelbe Karten für Günther Schäfer notieren.