Wie trainiert man eine Gefängnismannschaft?

Am Tor zur Unterwelt

Für ihn ist jedes Wochenende Heimspiel. Seit 35 Jahren coacht Gerd Mewes die Gefängnismannschaft von »Santa Fu«. Ein Trainer unter Kiezgrößen, Einbrechern und Mördern.

Tobias Kappel
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Gerd Mewes hat ein Problem. Es ist Donnerstag und der Trainer von Eintracht Fuhlsbüttel hat längst entschieden, mit welcher Elf er am Wochenende auflaufen will. Doch aus der Justizvollzugsanstalt erreicht ihn die Nachricht, dass bei einem seiner Leistungsträger Drogen gefunden wurden. Die Anstaltsleitung denkt über eine Sperre nach.

Mewes kennt diese Momente zu Genüge, wenn alle Planspiele sinnlos werden, weil ein Spieler der Versuchung nicht widerstehen konnte. Ein hastiger Joint auf der Knasttoilette. Ein heftiges Wortgefecht mit einem Schließer. Die unerlaubte Nutzung eines Handys. Und wieder muss Mewes umstellen. Seit 1980 lebt und erlebt er in »Santa Fu« den Umbruch als Normalzustand.

35 Jahre lebenslänglich in der Kreisklasse

Fußball im Knast ist ein Privileg. 90 Minuten Freiheit am Sonntag um neun, wenn alle anderen Gefangenen in der Zelle hocken. Doch wer sich dem Verhaltenskodex widersetzt, fliegt raus. Und wenn der Coach endlich eine schlagkräftige Stammelf beisammen hat, verabschieden sich wieder einige in den offenen Vollzug – und die ganze Arbeit beginnt von vorn. Weil eine langfristige Leistungsprognose unmöglich ist, verzichtet Eintracht Fuhlsbüttel darauf, aufzusteigen.


Bild: Tobias Kappel

Der 70-jährige Coach ist wie eine Figur aus Samuel Becketts Drama »Warten auf Godot«. Sein ganzes Streben zielt auf Fortschritt und Veränderung ab, am Ende aber bleibt doch alles, wie es ist. 35 Jahre lebenslänglich in der Kreisklasse Hamburg.

Mewes kennt den Hamburger Amateurfußball seit über vierzig Jahren: Er trainierte den Hummelsbüttler SV, den SC Norderstedt, Bergedorf 98, den VfL Stade. Mit dem SV Lurup hätte er 1986 fast den Sprung in die Zweite Liga geschafft. Und jeden Mittwochnachmittag durchschritt der kleine Mann mit der hohen Stirn die Sicherheitsschleuse in »Santa Fu«, um auch eine Handvoll Schwerverbrecher zu etwas zu machen, was die Gesellschaft denen längst abgesprochen hat: zu Gewinnern.

Sein erster Assistent war ein Mörder

Als er 1980 den Job in Fuhlsbüttel annahm, hatte er keine Ahnung, was da auf ihn zukommen würde. Durch seine Tätigkeit im Jugendamt kannte er die Arbeit mit jungen Leuten mit »schädlicher Neigung«. Doch ein Fußballteam aus Straftätern, deren Perspektive zwischen drei Jahren Freiheitsentzug und lebenslänglich changierte, war etwas anderes. Sein erster Assistent in »Santa Fu« hatte seine Cousine per Genickschuss getötet.

Von Anfang an war Mewes klar: Es kann nur funktionieren, wenn er das Grauen auf Distanz hält. Bis heute sind ihm bei neuen Spielern die Hintergründe der Inhaftierung zunächst nicht bekannt. Mewes will den Fußballer sehen, nicht den Straftäter. Erst durch den persönlichen Kontakt kristal lisieren sich irgendwann die Ursachen heraus, die ein Talent zu ihm geführt haben.