Wie Torwart Müller die Liga überrascht

FSV Heinz 05

Als der Mainz 05 die Verpflichtung von Heinz Müller, 31, bekannt gab, interessierte es niemanden. Inzwischen ist der Torwart ein gefeiertes Kurvenidol. Dank Müller gewann Mainz erstmals gegen den FC Bayern München. Wie Torwart Müller die Liga überrascht »FSV Heinz 05!«, postete der bewegte 11freunde.de-User »UrmelAusmEis« und legte damit gleich den Grundstein für Überschrift und Inhalt des vorliegenden Textes. Heinz Müller, groß gewachsen, säuberlich aufgereihtes Haupthaar, mit der Pinzette gezupfter Kinnbart – und in der Form seines Lebens.

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Beim 2:1-Erfolg der Mainzer gegen die Bayern war der Torwart erneut einer der Garanten für den Erfolg und ließ nicht einen Treffer der Münchener zu. Lediglich Mitspieler Noveski traf kurz nach der Pause das eigene Tor. Die anschließende Angriffsflut der verzweifelt aufs Mainzer Tor zulaufenden Gäste wehrten Müller und der Außenpfosten ab.

Kümmerliche 29 Spiele

Für den Aufsteiger scheint Müller ein Glücksfall zu sein. Kurz vor dem Saisonstart verletzte sich Stammtorwart Dimo Wache, Neuzugang Müller rückte in die Startelf. Ein 31-jähriger unbekannter Torwart, dessen Referenzen innerhalb der deutschen Landesgrenzen bis dato kümmerliche 29 Spiele für Hannover 96, Arminia Bielefeld, FC St. Pauli und Jahn Regensburg waren. Der nur dadurch zeitweilige Berühmtheit erlangte, weil er beim englischen Zweitligisten FC Barnsley das Tor hütete. Jenen Verein, für den Lars Leese unter gütiger Mithilfe einer Handvoll aufregender Spiele und Autor Ronald Reng zum »Traumhüter« wurde.

Aber mal ehrlich: Wer konnte vor dem Ligastart ernsthaft von sich behaupten, das torhüterische Potential von Heinz Müller bemessen zu können? Selbst jene, die es tatsächlich wussten, werden aber überrascht von der Leistungsexplosion des Mainzer gewesen sein. Gegen Bayer Leverkusen hielt er hervorragend (2:2), gegen Hannover 96 fielen seine Leistungen nicht hinter die des ihm gegenüberstehenden Kollegen zurück: Robert Enke, Nationalspieler.

Natürlich: beim Aufsteiger Mainz im Tor zu stehen, ist für einen Torwart nicht die schlechteste Erfahrung. Wo bekommt man schon im Profibereich mehr als 15 Bälle in drei Spielen auf sein Tor? Kurzum: Müller hatte die Gelegenheiten sich zu beweisen – er hat das in tadelloser Manier getan. Dabei ist der gebürtige Frankfurter alles andere als der inzwischen landauf, landab geforderte »moderne« Torhüter.

Sein Spiel mit dem Ball am Fuß genügt zwar dem Mindeststandards, befähigt ihn allerdings nicht dazu punktgenaue Diagonalpässe vor seinem Strafraum zu spielen. Dafür profitiert er von der intensiven Schulung während seiner Stationen in Lillestrom (Norwegen) und Barnsley. Der traditionell stark britisch geprägte Fußball in Norwegen und der traditionell noch britischer geprägte Fußball der »Tykes« (die Köter, Spitzname für den FC Barnsley) haben Müller zu einem äußerst robusten Torwart der klassischen Prägung geformt: gute Reflexe, krachende Faustabwehren, sicheres Fangvermögen, lange präzise Abschläge – und radikaler Lufteinsatz. Noch heute erinnern sich die Zuschauer in Lillestrom mit Grauen an das Ligaspiel im Juni 2007 gegen IK Start zurück, als der deutsche Schlussmann den auf ihn zuspringenden Ball routinemäßig abfing, dabei allerdings dem Gegenspieler Geir Ludvig Fevang das Knie so heftig ins Gesicht rammte, dass dieser bewusstlos liegenblieb und minutenlang behandelt werden musste.

Wie weiland Schumacher

In den norwegischen Medien wurde Müllers rabiate Aktion sofort mit dem legendär brutalen Angriff von Toni Schumacher auf den Franzosen Battiston verglichen. Ein Vergleich, der nicht hinkt. Der 31-jährige Schlussmann von Mainz 05 stammt aus einer Generation, in der junge Torhüter die »Ganz oder gar nicht«-Typen wie Uli Stein und eben Toni Schumacher zum Vorbild hatten.


Das kann Mainz 05 gerade nur recht sein. Eben weil Müller die Rolle des Torhüters so klassisch auslegt, hat er die Spitzenmannschaften aus Leverkusen und München damit aus der Fasson gebracht. Seine Aktionen sind nicht technisch sauber, sein Stellungsspiel nicht optimal, doch welchen Stürmer interessiert das, wenn der gegnerische Torhüter sich zum xten Male erfolgreich in einen Zweikampf geschmissen hat oder jede Flanke wie ein Kirmesboxer Richtung Mittelkreis befördert?

Vielleicht liegt aber gerade in diesem intensiven Spiel die Gefahr für den Torwart Heinz Müller: mit 31 sind Knochen, Gelenke und Bänder eines Profifußballers nicht mehr allzu belastungsfähig. Müller musste das im Januar 2008 schmerzlich erfahren: eine hartnäckige Knieverletzung setzte ihn fast ein Jahr lang außer Gefecht.