Wie Thierry Henry sich ganz Irland zum Feind machte

Die Hand des Frosches

Im November 2009 zerstört Frankreichs Thierry Henry Irlands WM-Träume, weil er den Ball absichtlich mit der Hand spielt. Erst 2015 kommt heraus, wie groß der Skandal wirklich war.

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Giovanni Trapattoni war außer sich. Wild gestikulierend lief der Trainer der irischen Nationalelf vor seiner Trainerbank auf und ab. Sein Gesicht verzog er in alle möglichen Richtungen, als wollte er hier, im Stade de France, bei dem alles entscheidenden Play-Off-Spiel für die WM 2010, Edvard Munchs Schrei nachstellen.

Was, um alles in der Welt, erlauben Henry?

Thierry Henry, der französische Stürmer, den Fußballfans bis dahin für seine tollen Tore und seine Bodenständigkeit schätzten, hatte gerade eben den Sportsgeist mit Füßen getreten und mit seiner Hand erwürgt. Zweimal hatte er den Ball kurz vor der Torauslinie zurück ins Spielfeld gepritscht und schließlich in die Mitte gepasst, wo William Gallas zum 1:1 einnickte. Das, verdammt noch mal, erlaubte Henry.



Dieses Handspiel und der Treffer bedeuteten nicht nur das Ende des irischen WM-Traums, sondern hatten auch einen Skandal zur Folge, dessen Ausmaße anfangs nicht abzusehen war. Es war eine Fehlentscheidung, die den Weltfußball für Jahre in Atem hielt – und die heute noch, vor dem erneuten Aufeinandertreffen im EM-Achtelfinale, die Gemüter erhitzt.

Die Iren hatten bis zu diesem Spiel am 18. November 2009 eine großartige WM-Qualifikation gespielt, sie waren in einer Gruppe mit Italien und Bulgarien ohne Niederlage geblieben und belegten am Ende Platz zwei. Im ersten Play-Off-Spiel gegen Frankreich, vor knapp 80.000 Zuschauern im Croke Park in Dublin, verloren sie unglücklich mit 0:1.

»Ich bin nicht der Schiedsrichter«

Im Stade des France waren die Iren überlegen, Robbie Keane traf nach einer halben Stunde zum 1:0. Danach scheiterte Liam Lawrence am leeren Tor und Keane freistehend aus 16 Metern. Es ging in die Verlängerung. Es ging um alles.

Und dann kam Henry.

Der Stürmer machte nach dem Spiel kein großes Gewese. Er gab direkt nach dem Schlusspfiff zu: »Natürlich war es ein Handspiel, aber ich bin nicht der Schiedsrichter.« Auf die Frage, ob er sich freuen könne, sagte er: »Klar, doch. Wir sind bei der WM.«

»Die WM wird von Leuten beeinflusst...«

Die Stimmen auf irischer Seite waren erwartungsgemäß lauter. »Das ist die größte Enttäuschung meiner Karriere«, polterte Giovanni Trapattoni. »Ich gehe in Schulen und referiere über Fair Play, sage den Kindern, wie wichtig dieses Prinzip ist.« Verteidiger Richard Dunne versuchte sich derweil Verschwörungstheorien: »Die WM wird von Leuten beeinflusst, die entscheiden, wer dabei ist – und wer nicht.«

Und am folgenden Tag kam es zum Duell zwischen Frankreichs Sportzeitung L’Equipe und der Irish Sun. Während es bei den Franzosen »La Main de Dieu« (Hand Gottes) hieß, schrieben die Iren von »The Hand of Frog« (Hand des Frosches).

Wobei: Auch in Frankreich schien die Mehrheit der Fans eher der Frosch- als der Gott-Version zuzustimmen. In einer Umfrage von Le Monde sagten 89 Prozent der Leser, Frankreich habe die WM-Qualifikation nicht verdient.