Wie Stefan Kuntz alle überzeugte

Der Vertrauenslehrer

Der große Gewinner des U21-Turniers ist der Trainer. Stefan Kuntz kann Spieler, Fans und selbst Moderatorinnen begeistern. Doch reicht es schon für die Löw-Nachfolge?

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Stefan Kuntz ist ein Mann der klaren Ansprache. So war sein Programm für die Zeit nach dem verlorenen Endspiel schnell umrissen: »Freunde besuchen, Gartenarbeit, in die Sonne fahren und Motorrad fahren. Alles, was man so macht.« Selten erzählen Trainer so freimütig über ihre Urlaubsgestaltung; der letzte beglaubigte Gartenarbeiter in der Gilde war Hans Meyer, der letzte Motorradfahrer Peter Neururer. Und was die Popularität und Naturverbundenheit angeht, steht Stefan Kuntz den beiden in nichts nach.

Auch wenn er wohl nicht unbedingt nach Vergleichen mit Peter Neururer strebte, so lässt sich doch festhalten: Kuntz ist der große Gewinner dieser U21-EM.

Bei seinem zweiten Turnier führte er Deutschland zum zweiten Mal ins Finale. Und das bei seiner ersten Trainerstation nach 13 Jahren Auszeit. Noch viel beeindruckender als die sportliche Bilanz erschienen die Lobeshymnen der Spieler, die selbst Kuntz' deftige Ansprache in der Halbzeit des Halbfinals wie ein Erweckungserlebnis priesen. Beim Rap auf der Fahrt zum Hotel huldigten sie ihrem Coach mit eigenem Vers. Das wirkte, als hätten selbst die bösen Jungs von der letzten Busbank den jovialen Vertrauenslehrer tief in ihr Herz geschlossen.

Er treibt Waldschmidt zu ungeahnten Quoten

Kuntz lobte derweil vorne im Bus seinen Assistenten Antonio di Salvo für die Idee, dass die Mannschaft sich nach dem Halbfinale auch bei den gegnerischen Fans aus Rumänien bedankte. Er verteilte die Blumen, ohne dabei gespielt-generös zu wirken. Den Stürmern hatte er vor dem Turnier mitgegeben, dass ihre Kollegen zwei Jahre zuvor besser gewesen seien. Kuntz trieb trotzdem oder gerade deswegen die Angreifer Luca Waldschmidt und Marco Richter zu ungeahnten Torquoten.

Nicht seine einzige rhetorische Meisterleistung: Im »Aktuellen Sportstudio« am Samstag etwa umschmeichelte er Dunja Hayali als Frau, die viel von Respekt verstehe, und kanzelte gleichzeitig ihre Frage nach dem Bundestrainer-Job als unseriös ab. Hayali bedankte sich. Kurzum: Stefan Kuntz weiß, wie er Spieler und Fans begeistern kann, wann er lächeln muss und sogar wie man sympathisch fauchen kann.

Das löwmüde Volk schreit: »Er kann es!«

So stellt sich Fußball-Deutschland zwangsläufig – mit allem Respekt natürlich – die Frage, ab wann Stefan Kuntz denn endlich Joachim Löw beerben werde. Das klingt zunächst logisch: Einer der Gründe für die Weiterbeschäftigung von Löw war angeblich, dass sich nicht allzu viele Alternativen angeboten hätten. Der Menschenfänger Kuntz weckt beim löwmüden Fußballvolk freudige Hoffnungen und erleichternde Ausrufe wie: »Ja, er kann es!«

Bei aller Begeisterung für Kuntz und die mitreißende Spielweise der U21 muss aber die Frage erlaubt sein, warum die Mannschaft im Halbfinale und Finale zwei Mal derart passiv ins Spiel ging. Gegen Rumänien konnte eine Weltklasseparade von Torwart Alex Nübel noch den K.o. verhindern und ein Comeback ermöglichen. Im Finale gegen Spanien reagierte Deutschland zu spät und verspielte wohl deswegen den Turniersieg.

Die große Prüfung steht erst an

Die Mannschaft ist zudem mit einem Durchschnittsalter von über 22 Jahren und einem Marktwert von über 200 Millionen keineswegs als Außenseiter in das Turnier gegangen. Dieser Jahrgang könnte der letzte goldene des DFB sein. Die diesjährige U19-EM verpasste Deutschland krachend durch ein 2:5 gegen Norwegen. Die wirklichen Herausforderungen für deutsche Jugendtrainer und die Meisterprüfung für die U21 stehen also erst noch an.

Stefan Kuntz tut gut daran, keine Bewerbungen für einen Job loszuschicken, den Joachim Löw sowieso bislang nicht freiwillig räumt. Er kann sich mittelfristig auf Olympia im kommenden Jahr konzentrieren – und kurzfristig auf seinen Garten.