Wie Statistiken nerven

Schlechtester Text seit immer

»Bayern: Seit 500 Tagen nicht mehr Spitze«, »BVB: Schlechtester Start seit 1987« – das Wort »seit« ist der Knüppel der Fußball-Reporter. Dirk Gieselmann plädiert für seine Abschaffung. Und das nicht erst seit gestern! Wie Statistiken nerven

Statistiker haben herausgefunden: Jetzt habe ich schon seit zwei Sekunden nicht mehr ausgeatmet. Bin ich etwa in der Krise? Werde ich vielleicht sogar entlassen? Wenn ja: Von wem? Doch Puh! Da gelingt mir das Ausatmen wieder – zum psychologisch günstigen Zeitpunkt, sozusagen. Aber was ist das? Nun habe ich seit zwei Sekunden nicht mehr eingeatmet – eine Ewigkeit im Atemgeschäft! Bin ich über meinen Zenit hinaus? Kann ich in der Großstadt überhaupt noch mitatmen? Oder sollte ich mich zum Atmen in einen Kurort zurückziehen, nach Bad Gandersheim, Bad Kreuznach, Bad Salzuflen, in die Operettenliga des Atmens?   

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Meine Atemprobleme mal beiseite, denn schon unterrichten mich die Statistiker, dass ich seit einem Absatz nicht zum eigentlichen Thema gekommen bin: Ich wollte mich über die Präposition »seit« aufregen.

An sich ein harmloses Wörtchen, das demütig Vorgänge ihrer zeitlichen Abfolge entsprechend ordnet. Doch in der Fußball-Berichterstattung wird es dazu missbraucht, unbotmäßige Parallelen zu ziehen und so ein Faktum bis zur Unkenntlichkeit aufzublasen: Der und der hat die mieseste Quote seit diesem und jenem, Y ist so schlecht wie seit X Jahren nicht mehr, seit dem Krieg hat es so etwas nicht mehr gegeben! »Seit« ist der Kälberstrick, an dem geifernde Untergangsprediger ihre dramatisierenden Vergleiche herbeizerren. 

Leitz-Ordner voller »Seit«-Statistiken 

Weil in den Neunziger Jahren fuchsige Informatikstudenten die »ran«-Datenbank aufgebaut haben, weiß man heute über jedes Ereignis, seit wann es nicht mehr eingetreten ist. Reporter schleppen Leitz-Ordner voller »Seit«-Statistiken in ihre Kabinen und feuern sie in Salven ab: Das war der kürzeste Einwurf seit zweieinhalb Tagen! Schon seit einer Minute kein Tor mehr! Ding seit Bums! Bla seit Bla!   

»Dem BVB droht der schlechteste Saisonstart seit 22 Jahren«, hieß es am Wochenende vor der Partie der Dortmunder gegen Gladbach. Musste wirklich aus dem kellerhaften Dunkel der Achtziger Jahre die Mannschaft von Trainer Reinhard Saftig hervor gezerrt werden (Adrian Spyrka, Michael Lusch, Dirk Hupe u.a.), die 1:0 in Mannheim (Ulf Quaisser, Dimitrios Tsionanis, Günter Güttler u.a.) verlor? Als wäre es für Kloppo und seine Jungs nicht schon beschissen genug gewesen, hier und jetzt den Auftakt vergurkt zu haben – nun sollten sie auch noch in der Kabine kauern und greinen: »Oh, nein! Wenn wir heute verlieren, brechen wir den Saftig-Minusrekord!«  

Es geht sogar noch infamer. »Seit drei Spielen hat der FC Bayern nun schon nicht mehr getroffen«, dröhnte jemand nach dem 0:0 gegen den 1. FC Köln, und dann der Doppelschlag: »Das ist seit 2000 nicht mehr passiert!« Stimmt: Im September/Oktober jenes Jahres verlor der Rekordmeister zunächst 0:1 gegen Rostock, dann 0:1 in Paris und schließlich 0:1 in Cottbus. Doch was will uns der historische Bezug bloß sagen? Dass die Mannschaft von Luis van Gaal genauso schlecht ist wie die von Ottmar Hitzfeld? Jene Mannschaft, die am Ende durch den Last-Minute-Freistoß von Patrick Andersson Meister wurde und gegen den FC Valencia auch noch die Champions League gewann? Klose und Co. werden sich geduckt haben vor dem biblischen Ungewitter, das der Vergleich entfesselt hat.  

Schon die »ran«-Datenbänkler wussten: Um den Donner des »Seit« heraufzubeschwören, muss man bereit sein, Erbsen zu zählen. Vor dem 0:0 gegen den FC wälzte ein »Bild«-Azubi also seinen Kalender und kam zu dem Ergebnis: »Der FC Bayern war seit 500 Tagen nicht mehr Spitze!« Alle Achtung – »500 Tage nicht mehr Spitze«, das klingt wie »100 Jahre Einsamkeit«, ein riesiger Resonanzraum für ein ohnehin schon kaum zu ertragenes Leid. Dazu die passende Musik (ideal: der »Trauermarsch« von Chopin), vergebene Chancen in Super-Zeitlupe und die Stimme von Ecki Heuser, der... so... herr... lich... the... a... tra... lisch... die... Sil... ben... aus... ein... an...der... zie... hen... kann... bis... man... fast... ein... schläft – perfekt!

Kri... se! Un... ter... gang! To...hod! Hier wird mit viel Kitsch eine Tradition des Scheiterns konstruiert, die einer genaueren Untersuchung nicht standhalten kann. Weder hat die Klopp- etwas mit der Saftig- Elf gemeinsam, noch verfehlt der aktuelle FC Bayern aus den gleichen Gründen die Bude wie sein Vorläufer von 2000. Beide Mannschaften haben gänzlich neue Gesichter, kein Spieler, mit dem sie sich vergleichen lassen müssen, steht noch in ihren eigenen Reihen. Die keulenhafte Anwendung des »seit« ist der Hitler-Vergleich der Fußball-Berichterstattung: haltlos, aber wirkungsvoll. Egal: Was schlimm ist, kann so garantiert noch schlimmer gemacht werden.

Freunde armseliger Dramaturgien mögen davon angetan sein und ihre Gänsehaut streicheln. Doch alle, denen der Fußball auch ohne derlei Zuspitzungen schon spannend genug ist, möge man bittebitte damit verschonen. Wir sind ganz bei Mario Gomez, der nach dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Vereinigten Arabischen Emirate gallig sprach: »Schön, dass ich in der 90. Minute noch ein Tor gemacht habe, sonst hätte ich seit 40 Minuten wieder nicht getroffen!« Verbrennt Eure Leitzordner, Ihr Reporter!  

Wie Statistiken nerven! Wie man sich aufregen muss! Da vergisst man ja glatt das Atmen. Ein.. und aus... ein... und aus... Aaah! Das tut gut! So gut wie seit 22 Jahren nicht mehr.