Wie stark Florenz nach dem Tod von Kapitän Astori aufspielt

Der 13. Mann

Der Herztod von Nationalspieler Davide Astori hat Italien geschockt. Doch seine Mitspieler beim AC Florenz stecken nicht auf und stehen mittlerweile bei sechs Siegen in Folge – auch dank ihres »Capitano«, wie alle beteuern.

imago

Wer des Italienischen mächtig ist und sich über den AC Florenz schlau machen will, für den ist das Fan-Portal »fiorentina.it« die ideale Fundgrube. O-Töne, Fan-Umfragen, Tabellen, Interviews – wäre da nicht das auffällig altbackene Web-Design, die Homepage der »Tifosi Viola« könnte glatt als offizielle Medienpräsenz des Traditionsklubs aus der Toskana durchgehen.

Eine rationale Erklärung dafür, wie die Fiorentina seit dem Tod ihres Kapitäns Davide Astori fünf Spiele hintereinander gewinnen konnte, können aber auch die Fans nicht liefern. »Ciao Claudio«, wird mir nach wenigen Minuten freundlich geantwortet. »Sagen wir so: Das ist der Punkt, an dem sich zurzeit alle Experten aufhalten.«

Das letzte Lebenszeichen

Der Punkt, von dem alles ausgeht, lässt sich auf Samstag, den 3. März 2018, um 23:34 Uhr datieren. In dieser Minute gibt Astori, 14-facher Nationalspieler Italiens und Kapitän der Fiorentina, das letzte Lebenszeichen von sich. Es ist eine Nachricht an Florenz‘ Keeper Marco Sportiello.

Ihre Playstation-Session haben der Torwart und der Abwehrchef gerade beendet, Astori weilt schon in seinem Einzelzimmer im Hotel von Udine. »Du hast deine Schuhe bei mir vergessen«, schreibt ihm Sportiello. »Alles gut«, antwortet ihm Astori, der wie fast immer die Ruhe weg signalisiert: »Ich hole sie morgen vor dem Frühstück.«

Einfach nicht mehr aufgewacht

Astori sollte seine Schuhe nicht mehr holen und nicht zum Frühstück erscheinen. Am Morgen des 4. März wird der junge Familienvater tot in seinem Bett aufgefunden. Eine Bradyarrhythmie wird nach der Autopsie als offizielle Todesursache bekanntgeben – eine schrittweise Verlangsamung des Herzschlags bis zum endgültigen Stillstand.

Ein natürlicher Tod mit 31. Astori, der erst wenige Tage vorher ein Belastungs-EKG ohne Auffälligkeiten bestanden hatte, ist einfach nicht mehr aufgewacht.

Der Calcio solidarisiert sich

Die Reaktionen im In- und Ausland führten auch dem letzten hartgesottenen Tifoso vor Augen, dass Fußball selbst im Jahr der verpassten WM »nicht alles ist«, wie es der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger nach dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke im November 2009 formuliert hatte.

Fiorentina-Fans, die aus der Beerdigung Astoris eine etwas andere Trauerfeier machten – und sogar die Spieler des verhassten Rivalen Juventus respektvoll empfingen, der direkt vom Champions-League-Rückspiel gegen Tottenham angereist war. Eine Spielunterbrechung in der 13. Minute gegen Benevento – Spiel eins nach Astori, dessen Trikotnummer 13 bei Florenz und Cagliari zurückgezogen wurde. Für einige Tage hat die vereinsübergreifende Solidarität die Rivalität im Calcio fest im Griff.

Wie ist diese Siegesserie möglich?

Etwas länger als die Solidarität, die jenseits von Florenz wieder der Normalität gewichen ist, hält nun schon die Siegesserie der Fiorentina an. Dem 1:0-Erfolg gegen Schlusslicht Benevento ließ das Team von Trainer Stefano Pioli Erfolge über den FC Turin (2:1) und Crotone (2:0) folgen. Am 3. April meisterte Florenz das Nachholmatch bei Udinese Calcio – 2:0. Und auch beim AS Rom, wo nur drei Tage später der FC Barcelona mit 0:3 untergehen sollte, heimste Piolis Elf einen 2:0-Sieg ein.

Insgesamt stehen der Fiorentina jetzt sechs Siege in Serie zu Buche – und eine Frage im Raum: Wie ist das möglich? Dass es in solchen Fällen sehr wohl auch in die andere Richtung gehen kann, wird vielen Fußballfreunden in Deutschland in gar nicht so grauer Erinnerung sein: Hannover 96 stürzte nach Enkes Tod sportlich (und psychologisch) ins Bodenlose ab und rettete sich erst im letzten Moment.