Wie SPAL Ferrara in Italien ein modernes Fußballwunder schaffte

Kuhmist aus der Wundertüte

Jahrzehnte stand der Klub für Peinlichkeiten und Pleiten, doch nach 49 Jahren stieg SPAL Ferrara endlich wieder in die Seria A auf. Heute steigt die erste große Party der Saison - Heimspiel gegen Udinese. Ein italienisches Fußballmärchen, erzählt von einem deutschen Fan.

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Christian Försch, freier Autor, SPAL-Fan seit 1997, pendelt seit gut zwanzig Jahren zwischen Berlin und Italien. Er folgt dabei streng dem Spielplan der SPAL.

Dies ist die Geschichte von Verrückten. Von 133 000, um genau zu sein. Die Geschichte ist 110 Jahre lang. Aber keine Angst, ich erzähle nur einen Tag, und davon, wie ich einer dieser Verrückten wurde.

Paolo klingelt. Er steht unten mit Fahrrad und weiß-blauem Schal. Donnerstagabend, Ende Mai, der letzte Spieltag, und es geht noch einmal um alles. Gewinnt die SPAL, sind wir Meister. Das wäre die Krönung des Aufstiegs in die Serie A. Unfassbar. Nach Krisen, Zwangsabstiegen, Lizenzentzug und Konkurs. Nachdem wir vor vier Jahren im Amateurlager gelandet und fast von der Landkarte des italienischen Fußballs verschwunden waren.

Wir radeln durch die Innenstadt, durch Menschentrauben in weiß-blauen Trikots, Schals und Perücken. Ganz Ferrara ist in Partylaune, schon seit einem Jahr. Da hatten wir gerade erst den Aufstieg aus der dritten Liga gefeiert, mit dem kleinsten Budget aller Vereine. Dieses Jahr waren wir wieder das Aschenputtel, galten bei Buchmachern und TV-Experten als sicherer Absteiger. Und tatsächlich haben wir aus den ersten sechs Spielen nur fünf Punkte geholt, Tabellenkeller, und dann … Dann ist etwas gewachsen, was keiner so recht erklären kann.

»Mein Herz schlägt für dich«

Weiträumig ist das Stadion abgesperrt, wir müssen uns einen Weg durch Nebenstraßen suchen und einen freien Pfahl, um unsere Räder festzuketten. Dann stellen wir uns hinter der Curva Ovest an der Sicherheitsschleuse an. In Italien ist der Stadionbesuch zur Tortur geworden, selbst in Provinzstädten. Fanpass, personalisierte Tickets, Leibesvisitationen, Ausweiskontrollen. Zu Auswärtsspielen fährt die DIGOS, der Staatsschutz mit, man wird bereits an der Autobahn abgefangen, in Shuttle-Busse umgeladen und wie ein Gefangenentransport durch abgeriegelte Straßen gekarrt. Die Fans sollen wohl nicht in die maroden Stadien kommen, sie sollen ein Pay-TV-Abo kaufen und zu Hause auf dem Sofa bleiben.

Die Curva Ovest ist eine Stunde vor Anpfiff schon gut gefüllt. Aber wir müssen auf unsere Stammplätze, direkt neben dem Block der Ultras, alles andere bringt Unglück. Wir finden eine Lücke und breiten unsere Klamotten auf den Sitzschalen aus. Für Davide, Massimo, Stefano, Antonia und Emma. Drei gute Kumpels und ihre Töchter. »SPAL alé, non tifo per gli squadroni tifo te«, wird intoniert. »Auf geht’s SPAL, mein Herz schlägt nicht für die reichen Klubs, es schlägt für dich.«

Endlich laufen die Mannschaften auf, wir decken uns in einer Choreo mit den Vereinsfarben zu und singen unter dem künstlichen Dach: »Ce ne andiamo in Serie A.« – »Serie A, wir kommen.« Die letzten beiden Spielzeiten waren so turbulent, dass fast für jede Partie neue Texte gedichtet werden mussten. Gänsehautstimmung. Bei uns. Von den gegnerischen Fans ist kaum etwas zu hören. Zwar spielen wir gegen Bari, eine Großstadt, die mit großem Budget und Anspruch in die Saison gestartet war, mit tollem Stadion und riesiger Anhängerschaft. Aber von den Ansprüchen ist nichts geblieben, von den Fans nur ein jämmerliches Häuflein.

Bari brennt ein Feuerwerk ab

Das Spiel beginnt, und es beginnt nicht gut für uns. Leonardo Semplici, unser Trainer, lässt die Ergänzungsspieler ran, um Vertrauen und Dankbarkeit zu zeigen, Harmonie und Zusammenhalt zu fördern. Außerdem sind die Stammkräfte angeschlagen. Luca Mora, bärtiger Philosophiestudent, Linksfuß, unermüdlicher Zweikämpfer, sitzt nur auf der Bank, ebenso sein Partner im Mittelfeld: Pasquale Schiattarella, neapolitanisches Heißblut, Pass- und Taktgeber mit tiefem religiösem Glauben.

Bari hat etwas gutzumachen und brennt ein Feuerwerk ab. Presst, rennt, schnürt uns ein. Ein feiner Pass in die Spitze und wir brüllen: »Meret!« Alex Meret, unser junger Torwart, ist in dieser Saison immer wieder über sich hinausgewachsen und zum Lohn zuerst in die U21-, dann gar in die A-Nationalmannschaft berufen worden. Er wirft sich dem Ball entgegen. Umsonst. Ein feiner Lupfer: 1:0 für Bari.

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