Wie sinnvoll sind Fan-Boykotte in der Bundesliga?

»Und dann haben wir den Salat«


Was Gladbachs Geschäftsführer, gleichzeitig auch aktiver DFL-Aufsichtsrat, meint: Die Vereine und ihre Fans haben es selber in der Hand. 99 Prozent der Fußballfans seien friedlich. Man müsse irgendwie in die Köpfe dieses einen Prozents hineinkommen. »Wenn es zu weiteren Ausschreitungen kommt, werden Politik, Polizei und Verbände schon bald eine Null-Toleranz-Schiene fahren. Dann dürfen vielleicht gar keine Auswärtsfans mehr mit zu den Derbys – und dann haben wir den Salat«, sagt Schippers.

Keine Auswärtsfans – für viele Fußballfans das Horrorszenario. In Italien oder den Niederlanden sind leere Gästeblöcke längst gängige Praxis. In Deutschland schwebte die Maßnahme jahrelang wie ein Damoklesschwert über den Fanszenen. Dass der DFB bereit ist, zu diesem Mittel zu greifen, demonstrierte er Anfang September. Aus Sicherheitsgründen beschloss der Verband, nach einer mehrtägigen Konferenz mit Vertretern der Drittliga-Vereine VfL Osnabrück und Preußen Münster, den Ausschluss der Gästefans für das Derby der beiden Klubs. Bei vorangegangen Aufeinandertreffen war es immer wieder zu massiven Ausschreitungen gekommen – zuletzt wurden sogar Fans rund um die Spiele verletzt. Zu viel für DFB und Polizei.

Die Fans fühlen sich nicht ernstgenommen

Die Krux: Die organisierten Fans halten solche Schritte für übereilt. Nur wenige Wochen nach dem DFB-Beschluss verließen die unabhängigen Fanorganisationen wie »ProFans« und »Unsere Kurve« den bestehenden Fandialog innerhalb der DFB-Kommission »Sicherheit, Prävention und Fußballkultur«. Man habe sich schlichtweg nicht mehr ernstgenommen gefühlt. »Da war eine gewisse Ohnmacht vorhanden. Von Verbandsseite hieß es immer, der Dialog sei eine Mitsprache-Möglichkeit. De facto war es aber eine Alibi-Veranstaltung«, sagt »Pro-Fans«-Sprecher Sig Zelt. Mittlerweile sei der Kampfesgeist einiger aktiver Fans einer Art Frust gewichen. »Die Verbände sehen leider nicht, dass sie sich einen großen Teil ihres Hochglanzproduktes Bundesliga selber kaputt machen – nämlich die Fankultur«, sagt Zelt.

Es ist das gleiche Argument, das vereinsübergreifend auch viele Ultra-Vertreter benutzen. »Natürlich hat die Liga andere Interessen als wir, nämlich kommerzielle. Aber ehrlich: Wäre die Liga mit toten Stadien ohne gute Stimmung, ohne Choreografien noch so gut zu vermarkten?«, fragt etwa Eike, ein Mitglied der Kölner Ultragruppe »Coloniacs«. Auch Schalker Ultravertreter äußern sich in diese Richtung.

Seb, ein Mitglied der Gladbacher Ultragruppe »Sottocultura«, gibt zu bedenken, es sei wichtig, wer mit in die Planung der Risikospiele einbezogen würde: »Da sitzen teilweise Leute am Tisch, die vom aktiven Fansein wirklich keine Ahnung haben. Warum spricht man nicht mit Personen die sich in den Fanszenen auskennen?« Aber ist das wirklich so einfach – vor allem wenn Polizei und Politik aufgrund ihres Einschreitens für viele Ultras als Feindbild dienen? »Wir müssen von diesen Kriegsszenarien wegkommen, die vor Risikospielen gemalt werden. Durch Tausende Polizisten und Wasserwerfer wird die Ausschreitung ja fast heraufbeschworen. Wir brauchen da mehr Besonnenheit«, sagt der Gladbach-Ultra.

Tatsächlich setzen auch die Ultras auf den Dialog. »Die Vereinsführungen müssen intensiver mit den Fans sprechen. Wir müssen alle ein Verständnis füreinander entwickeln«, sagt der Kölner Eike. Ähnliche Töne kommen aus anderen Bundesligastädten. Allerdings signalisieren einige radikalere Fangruppen auch, dass sie das Spiel nicht ewig mitmachen werden. Immer wieder hört man hinter versteckter Hand: »Wir halten es auch für vorstellbar, dass die Situation irgendwann eskaliert und die Antwort auf neue Sicherheitsmaßnahmen Ausschreitungen sind.«

Die Lösungswege klingen bei allen gleich

Nicht zuletzt solche Aussagen machen deutlich, dass den Ultras in der Debatte zweifelsohne eine Schlüsselrolle zukommt. Keine andere Fan-Gruppe hat mehr Einfluss auf die Fan-Landschaft und könnte für einen friedlichen Ablauf der Spiele sorgen. Ob sich alle Ultras dieser Verantwortung bewusst sind, steht auf einem anderen Blatt.

Im Nachgang des Revierderbys am Sonntag können die Fans genau das beweisen. Gemeinsam mit ihren Vereinen, aber auch den so kritischen beäugten Verbänden, Politik und Polizei. Dialog, Verständnis, Besonnenheit – die Lösungswege klingen bei allen Konflikt-Parteien gleich. Die Frage ist nur, inwieweit diese Lösungen wirklich umzusetzen sind.

Der FC Schalke 04 machte in dieser Woche schon einen Anfang. Im Derby-Rückspiel auf Schalke wird es wohl keine personalisierten Tickets geben. »Das funktioniert nicht. Wir müssten jede Karte mit dem Personalausweis abgleichen. Dafür müssten wir das Stadion ja schon um zehn Uhr morgens öffnen«, so Peter Peters. Und: Im Rückspiel werden die Fans von Borussia Dortmund definitiv das komplette Ticket-Kontingent zur Verfügung gestellt bekommen. Zwar gibt Peters zu, 6000 Gästefans seien einfacher zu organisieren als 8000, der Schalke-Vorstand sieht die Entscheidung aber auch als Vertrauensbeweis für die Fans.

Ob der genutzt wird, liegt allein bei ihnen. Es wäre der Anfang auf einem steinigen Weg.