Wie sich Fans bei der EM die Ränge zurückerobern

Das Comeback des 12. Mannes

Was haben wir alle geschimpft, dass die vermeinlich kleinen Nationen uns die schöne EM verwässern. Heute können wir sehr glücklich sein, dass sie überhaupt da sind. 

imago

Wenn es dem irirschen Raubein Roy Keane die Tränen in die Augen treibt, dann ist die Sache durchaus ernst. Am Dienstagabend im Stade Pierre Mauroy zu Lille war es sogar sehr ernst. Denn um 22:49 Uhr Ortszeit endete das furiose Fanal, dass sich seit der 85. Minute angedeutet hatte, jenem Augenblick, in dem Robbie Brady den Ball per Kopf über die Linie drückte. Irland steht im Achtelfinale der EM 2016, ein sporthistorischer Moment für die Boys in Green, den auch Italiens Torhüterlegende Gigi Buffon erkannte und eben jenen Roy Keane nach Abpfiff in die Arme schloss. Und just in dem Moment brachen auch beim irischen Co-Trainer alle Dämme. Es ist aber auch zu schön, um wahr zu sein.


(Videolink)

Denn auch auf den Rängen mischten sich Tränen des Glücks mit Bier und Schweiß. Überall sah man schüttelnde Köpfe, glitzernde Augen, offene Münder. What the fuck just happened? Ja, auch die Boys in Green auf den Rängen hatten das Unglaubliche geschafft. Auch sie stehen im Achtelfinale der Euro, innerhalb von 14 Tagen haben sie auch die Herzen von Fußballfans in ganz Europa erobert. Mit Witz, Charme, mit unbändigem Support für ihre Jungs da unten auf dem Rasen.

Und damit waren sie nicht allein: Isländer, Nordiren, Waliser, Ungarn, sie alle verwandelten ihre einmalige Chance, bei einem großen Turnier dabei zu sein, in den Sommer ihres Lebens. Man kann getrost von einem Comeback des 12. Manns sprechen. Eine Rückkehr jenes Mythos, dass die Fans auf den Rängen die Profis auf dem Rasen durchaus beflügeln können. Und eben nicht nur als Kunden deklariert werden und zum Konsum diverser Fanartikel eingeplant sind.

Das Roar ist zurück

Denn während die meisten, vermeintlich großen, Fußballnationen ihre Teilnahme an der Euro ohnehin als vom Fußballgott gebeben annehmen und der Anhang auf den Rängen bestenfalls ihren durchchoreografierten Fanmeilenjubel durchziehen, herrscht in den Reihen der Kleinen eine gesunde Mischung aus Anarchie und Euphorie, der sich zum jenem Roar vermischt, der offenbar sogar nominell chancenlosen Mannschaften übermenschliche Kräfte verleiht. Es ist schon ein bisschen lustig, dass ausgerechnet die Mannschaften, die von den großen Nationen als Ballast angesehen werden, diesem Turnier Farbe verleihen, während die Titelfavoriten graumäusig daneben stehen und sich langweilen.

Die besten Videos von irischen Fans bei der EM gibt es hier >>>

Natürlich kommen sie jetzt wieder aus ihren Löcher, die Motzköppe und Dauergrantler. Der Modus sei einer EM nicht gerecht, weil ja ohnehin jeder weiterkomme. Nicht nur in Österreich und der Türkei weiß man es heute besser.

Und überhaupt: Der Fußball dieser kleinen Nationen – führen die Motzkis abwinkend an – komm, hör mich doch auf! Diese arrogante Haltung ist umso erstaunlicher, weil viele der Modus-Hasser im Alltag Fans von Vereinen wie Schalke, Bochum, Köln oder Bielefeld sind. Allesamt Vereine, die in den letzten Jahren sicher durch vieles aufgefallen sind, aber nicht durch attraktiven Fußball. Oder sind sie am Ende durch das Hochglanzprodukt Champions League dermaßen abgestumpft, dass sie die raue Schönheit des Spiels einfach nicht mehr ertragen können?

Die Wiederentdeckung der Kraft

Und so freuen wir uns, dass in Zeiten der taktischen Neutralisation, der aseptischen Marketingumfelder und der von Verbänden totgeplanten Turniere, wenigstens die Fans ihre Kraft wiederentdeckt haben. Dass sie den Funken von der Tribüne und von den Straßen offenbar auch wieder auf den Rasen überspringen lassen können und uns so jeden Tag ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Oder sogar Berufsgrummler wie Roy Keane zum Weinen bringen. Geschichte wird gemacht!


(Videolink)