Wie sich ein HSV-Fan den Abstieg herbeisehnt

Verfehlte Transferpolitik und Selbstüberschätzung

Es heißt, der Norddeutsche sei reserviert und liebe das Understatement. Moin, muss ja, und zum Abschied ein kurzes Nicken. In Hamburg ist das anders. Dort posaunen Radiosender jeden Morgen über den Äther, dass man in der schönsten Stadt der Welt lebe.

Der HSV passt perfekt zu dieser Nabelschau, und diese Großmannssucht ist einer der vielen Gründe für den Niedergang. Jeder Neuzugang verkündet im vorauseilenden Gehorsam, dass der HSV ein »großer Verein" sei, und als die Fußballabteilung vor vier Jahren ausgegliedert wurde, hieß der Slogan »Aufstellen für Europa".

Hochdotierte Langzeitengagements

Der ehemalige Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer, den die Presse einst als »Dukaten-Didi" gefeiert hatte, stattete mittelmäßige Spieler mit aberwitzigen Millionen-Verträgen aus. Auch heute noch darf sich jeder HSV-Profi, der mal ein paar passable Pässe gespielt hat, über hochdotierte Langzeitengagements freuen.

Die meisten Spieler kommen aus dem Stall von Berater Volker Struth. Einige werden von dem Unternehmer Klaus-Michael Kühne finanziert. Ein Multimillionär und Edelfan, der sich 2012 für eine Rückkehr des gealterten und verletzungsanfälligen Rafael van der Vaart stark machte. Der unbedingt Alen Halilovic, den vermeintlichen »Mini-Messi« aus Barcelona, beim HSV sehen wollte. Der den 14-Millionen-Euro-Transfer von Filip Kostic unterstützte.

Bruno Labbadia, damals Trainer des HSV, hätte lieber solide Bundesligaprofis verpflichtet, auch ein paar defensive Kicker, die zu seiner Idee und in das Mannschaftsgefüge passten. Aber Beiersdorfer und Kühne winkten ab.

Europa? Aber klar doch!

Die beste Saison der vergangenen fünf Jahre spielte der HSV 2015/16, er wurde Zehnter. Europa war in Sichtweite, so der Tenor. Nur ein paar Kritiker mahnten: »Hört die Signale!" Denn auch in jener Saison war die Mannschaft nur knapp dem Abstieg entronnen.

Ähnlich war es zu Beginn dieser Spielzeit. Zwei glückliche Siege in Folge, eine Nacht stand der HSV auf Platz eins der Tabelle. Europa? Aber klar doch! Heute weiß man: Der HSV liegt nicht mal mehr auf der Intensivstation, wie einige behaupten, er wird nicht künstlich am Leben gehalten. Er ist längst tot. Und ich schaue ihn weiter an.