Wie sich Dortmund auf eine neue Ära vorbereitet

Wird er fehlen?

Nach sieben Jahren hat Borussia Dortmund mit 
Thomas Tuchel einen neuen Trainer. Wie 
sollte der Klub aus Sicht seiner Fans die Lücke füllen, 
die sein Vorgänger hinterlassen hat?

Imago/11FREUNDE
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Da saß er nun also bei seiner Vorstellung: der Neue. Ein ungewohntes Bild im Presseraum des Dortmunder Westfalenstadions. Nur wenige Tage zuvor hatte sein Vorgänger noch an derselben Stelle gesessen, was im direkten Vergleich vor 
allem die Unterschiede zwischen Thomas Tuchel und Jürgen Klopp herausstrich. Brav gekleidet, fast schon ein bisschen bieder, erschien Tuchel zu seinem ersten öffentlichen Auftritt beim BVB. 
So, als wolle er sich direkt mal abgrenzen vom stets betont leger daherkommenden Dortmunder Ex-Über-Trainer. Klopp 
ist schon vom Körperbau her dominant, hält seine Monologe aus dem Stegreif und strahlt, wenn seine Mannschaft nicht gerade auf Platz 18 steht, Kraft und Lockerheit aus. Tuchel wirkte bei seiner Vorstellung so hager und papieren, 
wie man das in Dortmund letztmalig bei Tomas Rosicky gesehen hatte. »Iss mal was!«, wollte man ihm zurufen. Als er über seine Vorstellungen für die Arbeit bei Borussia Dortmund sprach, schaute er immer wieder auf sein vor ihm liegendes Skript. Den Klopp’schen Bauch- 
und Gefühlswelten folgt, so schien der Auftritt zu sagen, nun eine etwas rationalere Herangehensweise.

Tuchel will keine krampfhafte Klopp-Kopie sein

Gut so: Nichts wäre ein schlimmeres Signal gewesen, als krampfhaft den erfolgreichen Vorgänger kopieren zu wollen. Um in Dortmund Erfolg zu haben, muss Thomas Tuchel seinen eigenen 
Weg finden und eigene Vorstellungen durchsetzen. Denn nur ein starker 
Trainer wird in der Lage sein, sportlich das Loch zu füllen, das der Abgang je--
nes Mannes hinterlassen hat, der den BVB wie kein Zweiter in den letzten 
Jahrzehnten zu verkörpern wusste. 
So sehr, dass ihn Spötter als Guru einer schwarzgelben Sekte bezeichneten.

Mein erstes persönliches Erlebnis mit Jürgen Klopp fand 2008 statt, kurz 
vor Ende seiner ersten Hinrunde beim BVB. Das Dortmunder Fanprojekt hatte den damals noch relativ neuen Trainer 
zu einem kleinen Kennenlernabend eingeladen. Gut zwei Dutzend Fans waren 
gekommen, nur Klopp fehlte. Es vergingen zehn Minuten, zwanzig Minuten, ohne dass er kam. Ein kurzer Anruf, 
er hatte den Termin vergessen. Jürgen Klopp war stattdessen gerade mit Ehefrau Ulla unterwegs zum Dortmunder Weihnachtsmarkt. Doch statt sich lapidar zu entschuldigen, drehte der Trainer um und stand keine halbe Stunde später mitsamt seiner Frau im kleinen Fanladen in der Dortmunder Dudenstraße. Während er über seine ersten Monate bei der Borussia, die Mannschaft, Spielertransfers und Zielsetzungen sprach, brachten ein paar der Jungs der sichtlich amüsierten Ulla Klopp das westfälische Würfelspiel »Schocken« bei. Irgendwann kurz vor Mitternacht löste sich die Abendgesellschaft auf, und bei den anwesenden Borussen-Fans hatte die ungewohnte Begegnung mit dem Trainer-Ehepaar erkennbar Wirkung hinterlassen. So viel Unkompliziertheit und Volksnähe waren wir von früheren Trainern nicht gewohnt.

Klopp als volksnaher Entertainer

Es sollte für die folgenden Jahre beileibe nicht das letzte Mal sein, dass Jürgen Klopp mit seiner offenen und gleichsam wertschätzenden Art Eindruck machte. Sie ermöglicht es ihm, 
mit Kalle und Jupp an der Trinkhalle genauso ins Gespräch zu kommen, wie 
mit den Spitzen der deutschen Wirtschaft. Wahrscheinlich könnte Klopp sogar die Eröffnungsrede eines Kernphysikkongresses halten und das Auditorium bestens unterhalten. Unvergessen jenes aus dem Ärmel geschüttelte, brillant gespielte »Krisen«-Interview, das Klopp nach einem 4:0-Sieg in Hannover mit Arnd Zeigler in der Mixed Zone improvisierte. Als drei Borussen-Fans per Crowdfunding einen Film über die Gründung von Borussia Dortmund finanzieren wollten, fragten sie Klopp nach einer Devotionalie zum Versteigern. Doch 
statt einer »Pöhler«-Kappe bekamen die Jungs gleich den kompletten Trainer 
zur Ver-fügung gestellt, für einen Tag 
zur meistbietenden Versteigerung.

Begebenheiten wie diese sind der Grund dafür, dass viele Borussen sich noch immer schwer tun mit dem Gedanken, dass dieser Trainer zukünftig nicht mehr auf der Bank sitzt. Jürgen Klopp 
hat die Dortmunder Herzen nicht nur 2008 im Sturm erobert. Er hat seinen Platz dort nahezu zementiert. Dazu trug auch bei, dass mit Klopp auf dem Dortmunder Trainingsgelände zwischenzeitlich eine gewisse Volksnähe einkehrte. Wo die Spieler vorher oftmals acht--
los an den Kiebitzen vorbeigegangen waren, schritten nun nach Trainingsende sämtliche Profis die auf der Längsseite des Platzes gelegene Zuschauertribüne ab, um geduldig möglichst viele Autogrammwünsche zu befriedigen. Heute ist dies, nachdem der Andrang beim zweifachen Meister und Champions-League-Finalisten ungeahnte Ausmaße angenommen hat, leider wieder passé. Doch es zeigt, wie sehr der Trainer auch neben dem Platz Akzente gesetzt hat.

Im Liveticker: Borussia Dortmund gegen Hertha BSC

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