Wie sich die magische Nacht angefühlt hat

Barcelona, ein Tollhaus

Gerade hat das Camp Nou sein größtes Wunder erlebt. Der FC Barcelona steht im Viertelfinale der Champions League. Unser Autor war vor Ort.

imago

Um kurz vor drei hat der Koch genug und verschwindet. Isst eh keiner mehr um diese Zeit. Flüssiges ist die Währung. Eine Stunde später streikt aber auch der Barmann. »Geht nach Hause. Oder zum Kiosk und kauft euch ne Zeitung«, raunt er mit echter Marlboro-Stimme den letzten Trunkenbolden entgegen. Spät genug ist es ja fast. Normalerweise hätte er seinen Laden vor drei Stunden dicht gemacht, aber was ist schon normal in dieser milden Frühlingsnacht von Barcelona?

»Ihr seid Legenden«

Die Gruppe Barça-Fans, alle um die 20, hat aber noch nicht genug und zum Kiosk will sie auch nicht. Sie will trinken. Also ab zur Rambla, wo ein paar letzte Versprengte auf Bänken sitzen, die blau, granatrote Fahne ihres Klubs über den Schultern, an Bierdosen nippend. Die Dose ein Euro, gereicht von pakistanischen Straßenverkäufern, die Spaniens Städte bei Einbruch der Dunkelheit stets zuverlässig mit Fußpils versorgen. Bis in die frühen Morgenstunden dauert die Party, die eine des Jungvolks und der Touristen ist und die kein Zentrum hat. Überall zwischen Camp Nou, Rambla und Barceloneta, dem Stadtstrand, wird getrunken, geraucht und leidenschaftlich debattiert. Mal in kleineren, mal in größeren Gruppen.

Barcelona, ein Tollhaus. Stadion und Stadt, in Ekstase versetzt von den eigenen Fußballern, »den Helden«, wie die größte Sportzeitung Barcelonas »Mundo Deportivo« am Tag nach dem 6:1 gegen Paris titelt. Konkurrent »Sport« will da nicht nachstehen und schreibt auf seine erste Seite »Ihr seid Legenden«. Barcelona, ein einziger Überschwang der Emotionen.

Gift und Galle gegen Paris

Es war die vielleicht spektakulärste Nacht für diese mit spektakulären Nächten so gesegnete Fußball-Stadt. Noch nie hatte eine Mannschaft in der Geschichte der Champions League ein 0:4 aus dem Hinspiel aufholen können. Barcelona konnte. Weil es daran glaubte. Und in den entscheidenden Momenten Glück hatte. Aber das will im Überschwang der Gefühle niemand hören. »Sí, se puede«, die spanische Form von »Yes, we can«, rufen die fast 100 000 Fans vorher im ausverkauften Camp Nou. Dann singen sie die Klubhymne, schwenken Fähnchen, die am Eingang verteilt wurden. Das Camp Nou, ein einziges Fahnenmeer. Als die Spieler einlaufen, wird ein gigantisches Banner über mehrere Ränge enthüllt. Alle zusammen für die Mannschaft, steht darauf.

Ja, der FC Barcelona verfügt normalerweise über ein Operetten-Publikum. Gemütliche Herren, elegante Damen und allerhand Touristen. Vorwiegend aus Fernost, immer die unvermeidlichen Kameras in der Hand, die Finger stets bereit zum Abdrücken. Bei standesgemäßen Siegen wird artig geklatscht und regelmäßig schon vor Spielschluss nach Hause gegangen. Nur einmal pro Saison, wenn Real Madrid vorbei schaut, speit das Camp Nou Gift und Galle. Gegen Paris ist es noch lauter. Barcelonas Trainer Luis Enrique wird später verwundert feststellen: »So hab ich das Camp Nou ganz selten erlebt.« Er muss es wissen. Seit 21 Jahren ist er mit Unterbrechungen im Klub.