Wie sich das 0:7 monatelang anbahnte

Deutscher Chaosmeister S04

Partynächte, Taktikfehler und ein »Sauhaufen« – das Schalker Debakel in Manchester deutete sich lange an. Doch alle Beteiligten unterschätzten die Gefahr. Eine Generalabrechnung mit den Spielern, Heidel, Tedesco und Tönnies.

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Zur schlimmsten Form des Liebesentzugs gehört das Schweigen. Wenn der eine für den anderen nicht einmal mehr laut artikulierte Wut aufbringen kann, kommen selbst Paartherapeuten ins Stottern. Am Dienstagabend stand die Schalker Mannschaft nach der 0:7-Niederlage gegen Manchester City vor einem wort- und tonlosen Gästeblock von mehr als 5000 mitgereisten Fans. Selten war das Wort »eisig« passender als in diesen Momenten, gegen die selbst die Brexit-Abstimmungen von Theresa May wie lustige Karnevalssausen daherkommen.

Für gewöhnlich singen, hüpfen, springen, tanzen und sogar grätschen Schalker Fans auf internationalen Auswärtsfahrten – wer sie erlebt hat, wird sich nur schwer vorstellen können, wie man diesen feiernden Trupp überhaupt zum Schweigen bringen kann. Die Schalker Mannschaft hat genau das geschafft. Sie hat daran mehrere Monate gearbeitet, indem sie wie bei Erdölbohrungen den tieferen, noch tieferen und tiefsten Tiefpunkt fußballerischer Auftritte freilegte. Das Debakel von Manchester hat sich lange angebahnt.

1. Die Mannschaft

Schalke 04 hatte die Chance, einem Gemetzel von Manchester City zu entgehen. Im vorletzten Gruppenspiel beim FC Porto hätten sie den ersten Platz schaffen und damit einen »leichteren« Gegner im Achtelfinale bekommen können. Das Team war schon vor der Partie für die nächste Runde qualifiziert. Von daher war in diesem Spiel Wettbewerbsgeist und Charakter gefragt – keine Attribute für die derzeitige Schalker Mannschaft, die einen blutleeren Auftritt ablieferte. Trainer Domenico Tedesco tobte nach der Partie, er führte die Mannschaft vor die Fankurve und entschuldigte sich persönlich bei mitgereisten Anhängern.

Doch so ganz verinnerlicht hatten seine Spieler den Ärger nicht. Noch im Teamhotel sollen sie, mit der Absolution der Offiziellen, aufs Weiterkommen angestoßen haben, dann gingen sieben Spieler in Porto in eine Disco. Schwer zu sagen, was verstörender klingt: Dass die Akteure ungeachtet ihres blamablen Auftritts in Feierlaune waren oder dass sie tatsächlich glaubten, in einer Stadt mit 5000 durstigen Schalker Fans dabei unerkannt zu bleiben.

Womöglich konnten sie sich auch keiner Schuld bewusst sein, weil der Eklat in diesem Team Methode hat. Der fußballerisch unterirdische Franco di Santo giftete den Trainer nach einer Auswechslung an. Amine Harit fiel wiederholt durch Casinobesuche auf. Spieler sollen laut verschiedenen Berichten Strafen nicht bezahlt und das Training geschwänzt haben. Die Mannschaft fiel durch Disziplinlosigkeiten und Grüppchenbildung auseinander.

Dieser Geist setzte sich auf dem Trainingsplatz fort, nicht nur der »kicker« wunderte sich im Wintertrainingslager über die lasche Herangehensweise. Und der »Sky«-Reporter Dirk Große-Schlarmann fasste es am kernigsten zusammen: »Dieses Team ist ein Sauhaufen.«