Wie sich BVB-Fans einst kreativ zum Pokalfinale schummelten

Wunderheilung durch Petric

Inzwischen sind sie inflationär - doch früher waren Spiele zwischen Bayern und Dortmund etwas so Besonderes, dass die Fans sich verrückte Sachen einfallen ließen, um ins Stadion zu kommen.

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Heute Abend treffen sich Borussia Dortmund und der FC Bayern im sechsten Jahr in Folge zu einem DFB-Pokalspiel. Nimmt man das Finale um die Champions League und die dauernden Supercup-Duelle hinzu, dann haben die beiden Klubs seit 2012 sage und schreibe elf Pflichtspiele außerhalb der Bundesliga gegeneinander ausgetragen. Selbst für einen Fan einer dieser beiden Vereine wird es langsam öde.

Das sah vor gar nicht so langer Zeit noch völlig anders aus. Als der BVB 2008 ins Pokalfinale gegen die Bayern einzog, war dies das erste ernsthafte Cup-Duell der Teams seit vielen Jahren. Vor allem war es für Dortmund das erste Endspiel in diesem Wettbewerb seit 1989. Anders gesagt: Alle Borussen wollten nach Berlin. Und es war dementsprechend sehr schwierig, Karten zu kriegen. Selbst ich bekam trotz meiner guten Kontakte nur ein Ticket für … die Bayern-Kurve.

»Es ist eine besondere Karte«

Zwei Tage vor dem Finale war ich zu Gast bei »Scudetto«, der Reihe zum Thema Fußballkultur, die Ben Redelings damals in Bochum veranstaltete und mit der er inzwischen durch die Republik tourt. Ich entdeckte einen alten Freund von mir im Publikum, dessen Spitzname Carlos lautet. Nach dem Ende der Veranstaltung fragte ich ihn, ob er eine Karte für Berlin hätte.

»Ja, ich habe bei eBay eine ersteigert«, antwortete er. »Allerdings für den Bayern-Block.«
»Ah, da bin ich auch«, sagte ich. »Vielleicht können wir uns treffen.«
»Ich muss mal sehen, ob das geht. Es ist eine besondere Karte.«
»Inwiefern?«
Carlos lächelte verschwörerisch. »Es ist eine Rollstuhlfahrer-Karte. Die gilt für zwei Leute. Für den Behinderten und seine Begleitperson. Ich nehme an, wir müssen dann in einem bestimmten Bereich bleiben.« 
So langsam dämmerte mir, was Carlos plante. »Was habt ihr vor?«, fragte ich.
»Sagen wir mal so: Als wir den Zuschlag für die Karte hatten, haben wir uns auf eBay nach einem Rollstuhl umgesehen.«

Im Büro eifrig mit Rollstuhl geübt

Am Tag des Endspiels hielt ich per Handy Kontakt zu Carlos. Ich war recht früh im Stadion, aber er und sein Freund Thomas hatten ein paar Probleme bei der Anreise. Erst um kurz nach sieben, knapp eine Stunde vor dem Anpfiff, meldete er: »Alles klar, wir sind da. Jetzt müssen wir nur noch den Behinderteneingang finden.«

Etwas ratlos lief ich den Gang auf und ab. Ich befand mich zwar ganz in der Nähe des Bereiches für die Behinderten (mein Platz war im Unterring, Block S), aber trotzdem war das Gelände so weitläufig, dass ich Carlos und seinen Kumpel verfehlen konnte. Dachte ich. Doch um 19:10 Uhr versperrten mir plötzlich zwei Ordner den Weg.

»Einen Moment bitte«, sagte einer. »Lassen Sie mal eben jemanden durch.« Und dann trat direkt vor meiner Nase Carlos auf den Gang. Er trug einen schwarz-gelben Schal und schob mit erstaunlicher Souveränität einen Rollstuhl über den Beton. Im Stuhl saß Thomas in einem BVB-Trikot. Wie ich später erfuhr, waren die Rollen so verteilt worden, weil die Sitzfläche des Stuhles für Carlos zu schmal war. Damit die beiden nicht durch ungewöhnliches Verhalten auffielen, hatte Thomas den Rollstuhl mit ins Büro genommen und dort eifrig geübt, zum Beispiel wie man eine Sitzposition einnimmt (und lange hält), in der die Beine sich nicht bewegen. Um jetzt, im entscheidenden Moment, keinen Verdacht zu erregen, tat Carlos so, als würde er mich nicht kennen. Ich wiederum machte erst dann ein Foto, als niemand auf mich achtete.