Wie sexistisch sind Fußballfans, Nicole Selmer?

»Wir brauchen ein neues Bewusstsein«

Frauen sind heutzutage in der Kurve glücklicherweise keine Seltenheit mehr. Dennoch stoßen sie immer noch auf Grenzen und Vorurteile. Eine Bestandsaufnahme mit Nicole Selmer.

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Nicole Selmer, Sie gehen selbst regelmäßig ins Stadion und beschäftigten sich bereits 2004 in Ihrem Buch »Watching The Boys Play« mit dem Thema Frauen in der Fankurve. Besteht das Vorurteil, dass eine Frau nichts im Stadion zu suchen hätte, weiterhin fort?
Obwohl sich diese Ansichten auf dem Rückzug befinden, gibt es sie als Idee noch. Viel stärker ist allerdings die Assoziation, dass Frauen »unseren« Fußball kaputt machen würden. Frauen werden oft als Groupies oder als Folge des modernen Fußballs stigmatisiert. Früher in den Achtzigern, als es noch nicht »in« war, wären sie schließlich auch nicht da gewesen. Natürlich stimmen die in Einzelfällen zum Teil auch. Allerdings gucken heute auch viel mehr Männer Fußball als in den Achtzigern oder lieber EM statt Dritte Liga. Das wird dann aber nicht wahrgenommen.

Wieso ist Fußball ein von Männer dominierter Sport?
Das hat schlicht mit dem Erfolg von Fußball zu tun. Als der Fußball vor mehr als 100 Jahren  frisch auf das europäische Festland herüberschwappte, galt er als der verweichlichte Sport von der Insel. Damals war Turnen der einzig wahre Sport. Aber der Fußball ist natürlich nicht über Nacht plötzlich ganz hart geworden. Die gesellschaftlichen Zuschreibungen haben sich verändert. Fußball ist zum Nationalsport geworden. Und was Nationalsport in unseren Gesellschaften ist, ist automatisch Männersport.

Gibt es spezielle Hürden für Frauen in der Kurve?
In der Kurve passieren eigentlich viele tolle Sachen. Das gemeinsame Fühlen, Schreien, Hüpfen, Singen nimmt einen unglaublich mit. Das erleben Frauen natürlich genauso wie Männer. Dieses große »Wir-Gefühl« ist der Grund, warum viele Menschen zum Fußball gehen. Dennoch ergeben sich eben beispielsweise durch »Oberkörperfreiaktionen« Momente, in denen ein gemeinsames »Wir« nicht mehr funktioniert. Frauen ziehen sich dann nicht aus, weil sie diese Freiheit schlicht nicht haben. Das kollektive Ausrasten im Stadion gilt natürlich für alle, jedoch ergeben sich für Frauen oft Grenzen, die Männer nicht verspüren. Ganz einfach ist das am Fangesang »Wir sind alles Frankfurter, Dortmunder oder sonst irgendwelche Jungs« auszumachen. Aber auch sexistische Provokationen gegenüber der verfeindeten Fanszene sind problematisch. In diesem Moment fühlt man sich als Frau von diesem »Wir-Gefühl« ausgeschlossen.