Wie Sergio Ramos die spanische Nationalmannschaft anführt

Warum sich Ronaldo vor Ramos fürchtet

Ronaldo hat vor zwei Jahren in Paris eine ähnliche Erfahrung gemacht wie Salah in Kiew. Das war im Finale um die Europameisterschaft, Portugal gegen Frankreich, das größte Spiel der an großen Spielen reichen Karriere des glühenden Patrioten Ronaldo, geboren auf der Insel Madeira. Es sind erst ein paar Minuten gespielt, als er im Niemandsland an den Ball kommt. Er zieht ihn mit der Sohle zurück, da prescht von hinten der Franzose Dimitri Payet heran. Er trifft mit dem linken Fuß den Ball, mit dem rechten Knie allerdings das linke von Ronaldo, und das mit voller Wucht. Eine vorsätzliche Attacke auf die Gesundheit, sehr viel widerlicher als das Foul von Ramos gegen Salah. Ronaldo schreit auf, aber die Welt bleibt ruhig. Kein wütender Internet-Mob, der Payet zum Teufel wünscht. Kein Anwalt, der ihn auf ein symbolisches Schmerzensgeld verklagt. Gegen den eitlen Fatzke Cristiano Ronaldo ist Brutalität anscheinend ein legales Stilmittel.

Der kämpfende Ästhet

Ramos und Ronaldo spielen jetzt seit neun Jahren gemeinsam für Real, Ramos ist ein Jahr jünger und doch eindeutig der Chef. Der Portugiese hat ein feines Gespür dafür, mit wem er sich anlegen darf und mit wem besser nicht. Als er nach dem Champions-League-Finale mit seinem Abschied aus Madrid kokettierte, faltete ihn Ramos sofort zusammen. Die für gewöhnlich bestens unterrichtete Sportzeitung »Marca« zitiert ihn so: »Cristiano, das war nicht okay, was du da gemacht hast. Es war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Du musst einen Schritt zurück machen und wir werden dir helfen. Wir stehen zu dir, aber du musst auch helfen!«

Ronaldo ist der Kapitän der portugiesischen Nationalmannschaft, aber nie hat es zur Debatte gestanden, dass er diesen Job auch in Madrid übernehmen würde. Warum auch? Würde der Schönling aus Madeira je so für seine Mannschaft einstehen, wie es der kämpfende Ästhet aus Andalusien schon immer für Real Madrid tut?

Keine Hoffnung

Cristiano Ronaldo wird sehr zufrieden damit sein, dass Ramos im Alltag Kollege und nicht Gegner ist. Es gibt da eine kleine und kaum beachtete Geschichte mit den beiden. Sie handelt, welch hübsche Parallele zum Drama von Kiew, von einer angeblichen, in diesem Fall sogar imaginären Gehirnerschütterung. Im Mai 2017 spielt Real Madrid im Halbfinale der Champions League gegen die stadtinterne Konkurrenz von Atlético. Ronaldo geht nach einem Zweikampf mit Atléticos Kapitän zu Boden. Gabi ist mit einer Gelben Karte vorbelastet, jedes Foul kann zu einem Platzverweis führen. Die Fernsehkamera blendet auf Ramos, wie er den Ellenbogen hebt, mit dem Kopf wackelt und das Gesicht verzieht. Er ruft Ronaldo etwas zu, was Lippenleser später so übersetzen: »Tu so, als hätte er dir ins Gesicht geschlagen, dann ist er raus!« Ronaldo geht nicht darauf ein.

Einmal haben die beiden schon bei einer Weltmeisterschaft gegeneinander gespielt. Das war vor acht Jahren in Kapstadt, und vor dem Spiel hat Ramos dem geschätzten Kollegen Ronaldo eine SMS geschickt: »Macht euch keine Hoffnung!«