Wie Sergio Ramos die spanische Nationalmannschaft anführt

Wie die romantische Revolution scheiterte

Die Sympathien waren bei diesem Finale von Kiew einseitig verteilt, also fast komplett auf Liverpooler Seite. Liverpool steht für den guten, alten, für den ehrlichen Fußball, ganz unabhängig davon, dass auch an der Irischen See Millionen verpulvert werden und ohne schwerreiche Investoren überhaupt nichts geht. Aber erstens ist Liverpool schon immer mehr Mythos als Realität gewesen und wird zweitens trainiert von Jürgen Klopp, der schon zu seiner Dortmunder Zeit das Duell mit Bayern München zum Klassenkampf stilisiert hat.

Ramos wusste, wem er begegnete

Und drittens ist da noch Mohamed Salah. Ein Stürmer aus Ägypten, der im Frühjahr 2018 so großartig aufspielt, dass da endlich einmal eine Konkurrenz zu erkennen ist, wenn es um den Titel des besten Fußballspielers der Welt geht.

Ronaldo? Messi? Salah!

Liverpools Ägypter schießt den guten, alten Fußball ganz allein ins Champions-League-Finale. Alles redet von einer Renaissance des guten, alten Fußballs, die Nerds sind so glücklich wie die Marketing-Strategen, was ließe sich schöner verkaufen?

Und dann kommt Sergio Ramos.

Natürlich hat Reals Kapitän gewusst, mit wem er es da zu tun hat. Mit einem Leichtgewicht, traumhaft sicher in der Behandlung des Balles, und wenn man ihm mal ein paar Meter ohne Bewachung gönnt, dann sind das ein paar Meter zu viel. Ramos kümmert sich von der ersten Minute an um Salah. Und dann kommt es zur schicksalhaften Begegnung.

Die romantische Revolution ist gescheitert

Cristiano Ronaldo, auch er war mal so ein junger Frechdachs wie Salah, steht gar nicht so weit weg von der Attacke, sie ereignet sich im diffusen Mittelfeld, jenseits aller Gefahrenherde. Ramos sucht den Zweikampf, beim Skifahren würde man sagen: Er fädelt ein. Allerdings nicht in ein Tor, sondern in den Arm von Salah, die beiden verhaken sich ineinander und stolpern, Ramos schiebt Salah, er ist kräftiger und die beiden krachen zusammen, mit dem schlechteren Ende für den Liverpooler. Salah bleibt liegen, er krümmt sich vor Schmerz und greift sich an die Schulter. Cristiano Ronaldo tätschelt ihm noch auf dem Rasen den Kopf, dann ist das Spiel für Salah zu Ende. Die romantische Revolution ist gescheitert.

Ramos wird noch in der Nacht von Kiew der fahrlässigen Körperverletzung bezichtigt. Liverpools deutscher Trainer Jürgen Klopp befeuert diese Unterstellung mit dem ihm eigenen Charme und der Bemerkung: „Das hatte etwas von Wrestling!“ Die Fernsehbilder geben das nicht her. Aber Legenden leben nun mal länger, erst recht mit einer Vorgeschichte wie der von Sergio Ramos, der in seinen 13 Jahren bei Real schon 24-mal vom Platz geflogen ist. Auf den Knöchel des argentinischen Jahrhundertspielers Lionel Messi hat Ramos einmal mit solcher Wucht eingetreten, als wolle er ihn wie den Ball aus dem Strafraum auf die Tribüne jagen.