Wie sehen Engländer den 1. FC Union Berlin?

»Ich wäre nie zu Hertha gegangen«

Allerdings sind es nicht nur die Touristen und die Hobby-Säufer, die zur Anglisierung des 1. FC Union beitragen. Bei »Union in Englisch« haben die Dauerkarteninhaber Mark und Andrew normalerweise eine Gruppe von zehn bis fünfzehn englischen oder englischsprachigen Fans, die ins Stadion mitkommen. Warum denn zu Union? Warum nicht zu Hertha? Andrew Cherrie sagt, dass er bei seiner Ankunft in Berlin zu beiden Klubs gegangen ist. Hertha mochte er auf Anhieb nicht: »Dort musste man bezahlen, um das Stadion anzugucken, bei Union waren alle total freundlich, obwohl ich gar kein Deutsch konnte.«

Union und der englische Greenkeeper

Genauso sieht das Jon Darch auch. Darch ist seit dieser Saison Union-Mitglied, wohnt aber meistens in England, wo er mit der »Safe Standing Roadshow« eine Kampagne für die Wiedereinführung von Stehplätzen in englischen Stadien organisiert. »Ich wäre nie zu Hertha gegangen«, sagt er. »Das Olympiastadion ist zwar historisch und architektonisch faszinierend, aber als Fußballstadion ist es scheiße. Zu Union gehe ich nicht so sehr, um Fußball zu schauen. Es ist eher das einzigartige Gemeinschaftsgefühl, das ich genießen will«, und eben das gelte für die meisten englischen Zuschauer in der Alten Försterei. »Ich glaube, dass unsere Faszination in Sachen Union daher rührt, dass der Fußball bei uns zu Hause seine Seele an den Kommerz verloren hat. Union ist ein wunderbares Gegenstück dazu.«

Vielleicht ist dies das Geheimnis einer subtilen englischen Seele des Köpenicker Klubs. Das Bier, die Stehplätze und die Nina sind alle deutsch, aber die Stimmung ist so einzigartig und doch erkennbar, dass sie alle Engländer anzieht.

Union hat einen englischen Greenkeeper, er heißt James Croft und erklärt das Phänomen so: »Ich habe nie in meinem Leben so ein Familiengefühl bei der Arbeit gehabt. Die Fans laufen an mir vorbei und sagen: James, alles klar? Das ist doch ein Wahnsinn! So etwas würde ich nirgendwo anders finden.«

»Die nennen mich Inselaffe«

Croft ist eigentlich eher Rugby-Fan als Fußball-Fan, aber die Atmosphäre an der Alten Försterei hat ihn beinahe konvertieren lassen. Das Familiengefühl wird auch von Jon Darch, Andrew Cherrie und Mark Wilson als Grund für ihre Zuneigung angeführt. Sie beruht auf Gegenseitigkeit. Jeder Engländer, der in die Alte Försterei kommt, wird von den Union-Fans begeistert gefeiert. »Die nennen mich zwar Inselaffe, aber auch Rasengott«, sagt der Greenkeeper Croft, und auch Cherrie hat noch nie etwas Negatives über englische Fans gehört. Das ist schon bemerkenswert für einen Kultklub, der in Nina Hagens Hymne von sich behauptet, er würde sich niemals vom Westen kaufen lassen.

Es mag ein Klischee sein, aber es ist ein Klischee, das mehr Wahrheit in sich trägt als fast alle anderen Klischees im modernen Fußball. Deswegen kommen wir Engländer zu Union. Nicht, weil es eigentlich der bewundernswerteste Klub der Welt ist. Sondern weil die Romantik bei Union unserer eigenen Romantik ähnlich ist. Die Premier League hat diese englische Romantik erdrosselt. Das Klischee von Köpenick lässt uns wieder atmen.