Wie Sebastian Kehl Profi wurde

»Unsere Generation verschwindet«

In den Profimannschaften musste man sich zu behaupten lernen, als ich jung war. Anfangs habe ich mich nicht einmal getraut, auf die Massagebank zu gehen, da konnte der Schmerz auch noch so groß sein. Und wenn ein älterer Spieler reingekommen ist, bin ich sofort aufgestanden, dieser Respekt wurde damals erwartet. Als junger Spieler stand man ganz unten in der Hierarchie. Man musste überall anpacken und helfen, wurde angeschissen und musste am Ende die Klappe halten. Da gab es auch immer wieder Momente, in denen ich mich ausgesprochen ungerecht behandelt gefühlt habe.

Respekt ist immer noch wichtig

Also will ich die Vergangenheit ganz bestimmt nicht glorifizieren, denn mit jungen Spielern sollte man anders umgehen. Auf dem Platz sollten sie sich entfalten können, sich aufdrängen, laut sein, mutig und selbstbewusst den Ball fordern. Das funktioniert besser, wenn man sie ansonsten nicht klein hält. Dennoch ist Respekt vor den älteren Spielern nach wie vor wichtig, und das sage ich jetzt nicht, weil ich inzwischen 34 Jahre alt bin. Wenn einer mit 18 Jahren hochnäsig durch die Kabine läuft, weil er sich nach einem Bundesligaspiel für den König hält, passt das nicht. Davon habe ich einige erlebt – und heute weiß niemand mehr, wo sie spielen. Angesichts solcher Jungs habe ich mir in ein paar Momenten die alten Zeiten zurückgewünscht. Damals hat der Trainer bewusst nach rechts geschaut, wenn ein zu Vorlauter links im Zweikampf etwas gestutzt wurde.

Im Laufe der letzten Jahre hat sich die Altersstruktur in den meisten Mannschaften komplett verändert. Gab es früher zwei, drei junge Spieler pro Team, sind es heute oft nur noch zwei, drei ältere. Dadurch sind Gruppenbildung und -dynamik sowie die Gesprächsthemen anders geworden. Früher haben die Älteren privat viel miteinander unternommen, heute läuft die Kommunikation mehr über WhatsApp und gemeinsames Zocken auf der Spielkonsole. Aber das ist vermutlich nicht nur bei Fußballprofis so.

Die veränderte Altersstruktur erklärt sich dadurch, dass Spieler heute schon in jungen Jahren auf höchstem Niveau eingesetzt werden. Zu meiner Zeit haben wir viel seltener die Chance zur Bewährung bekommen, vielleicht auch, weil wir nicht so weit waren. Inzwischen werden die Spieler früh an ein absolutes Leistungshoch herangeführt, sowohl körperlich als auch psychisch oder spieltaktisch. Ich glaube allerdings nicht, dass die Jungen im taktischen Verständnis einen Vorteil gegenüber den Alten haben, wie häufig behauptet wird. Denn Taktik ist das eine, deren Umsetzung und das Verständnis einer Spielsituation auf dem Platz das andere. Dabei hilft Erfahrung enorm.

30 war einst das beste Fußballeralter

Werden meine jungen Kollegen längere Karrieren haben, wenn sie so früh anfangen? Ich bezweifle das und gehe davon aus, dass sich die Karrierezeiten im Profifußball nur verschieben werden. Ein Indiz dafür ist, dass inzwischen so wenige »alte Säcke« wie ich noch auf höchstem Niveau spielen. Unsere Generation verschwindet, selbst 30-Jährige bekommen immer schwerer einen Vertrag. Einst galt das als bestes Fußballalter, heute sind viele Spieler dann schon froh über einen Einjahresvertrag. Denn von unten drängen viele gute, junge und günstige Spieler nach, die noch keinen Kraftverschleiß oder Verletzungsgeschichten zu beklagen haben und bereit sind, mit bescheiden dotierten Verträgen anzufangen. Ich glaube, dass ihre Karrieren in den meisten Fällen nicht länger sein werden, sie fangen bloß früher an.

Manchmal stelle ich mir die Frage: Wie wäre eigentlich meine Karriere verlaufen, wenn ich damals die Bedingungen von heute gehabt hätte? Klar, Videoanalysen, eine bessere taktische Schulung und eine individuellere körperliche Forderung hätten mich vermutlich besser gemacht. Oder früher aufs Spitzenniveau geführt. Doch letztlich sind Ehrgeiz, Hartnäckigkeit, Wille und Verzicht nach wie vor die entscheidenden Kriterien in jungen Jahren, wenn man sich als Profi durchsetzen will. Das hat sich nicht geändert und wird auch zukünftig der Schlüssel zum Erfolg sein.

Viel leichter hatten wir es aber in einem ganz anderen Punkt: Wir konnten unbeschwert in die Disco gehen und auch mal ein, zwei Bierchen mehr trinken, was heute durch die ständig präsenten Handykameras fast unmöglich ist. Ein junger Mensch muss doch am Leben teilnehmen, aber inzwischen wird er nicht mehr richtig gelassen, weil man immer hundertprozentige Korrektheit von ihm verlangt. Er muss immer das Richtige tun, darf nie einen Fehltritt begehen. Teilweise wird es noch komplizierter, weil sich die Spieler in sozialen Medien wie Facebook und Twitter zusätzlich gläsern machen. Ich kann das verstehen, weil sie ihren Marktwert steigern wollen. Auf der anderen Seite macht es das noch schwerer, sich frei zu bewegen. Ich bin jedenfalls froh, dass diese Zwänge für mich nie eine Rolle gespielt haben.