Wie Sebastian Kehl Profi wurde

Wenn Opa nicht gewesen wäre

Was müssen Talente mitbringen, um heutzutage Profi zu werden? Ehrgeiz, Wille, Hartnäckigkeit und Verzicht! Sagt jedenfalls Dortmunds Sebastian Kehl. Und der muss es wissen.

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Wenn ich heute bei Borussia Dortmund zum Training komme, dann werde ich manchmal daran erinnert, wie sehr sich die Zeiten verändert haben. Das Internat des BVB liegt auf unserem Vereinsgelände direkt am Fußballplatz und bietet Nachwuchsspielern im Vergleich zu meiner Jugend unglaubliche Möglichkeiten. Es ist immer jemand da, bestens ausgebildete Trainer, Physiotherapeuten und Sportpsychologen stehen den ganzen Tag zur Verfügung.

Zwei Köche kümmern sich um die Ernährung und eigene Zeugwarte um Sportsachen und Schuhe. Natürlich werden die Spieler auch schulisch betreut, wer sich etwas schwerer tut, bekommt Nachhilfeunterricht. Wegen dieser umfassenden Förderung sind die Jungs einen deutlichen Schritt weiter, wenn sie zu den Profis kommen, als das bei uns früher der Fall war. 

Opa hat mich tagein, tagaus kutschiert

Ich selbst habe bis zu meinem 14. Lebensjahr daheim im Dörfchen Lahrbach in der Rhön gespielt und bin dann nach Fulda in die nächstgrößere Stadt gewechselt. Die B-Jugend von Borussia Fulda spielte damals in der Oberliga, der höchsten Klasse in Hessen. Dort hatte ich vier Mal in der Woche Training, dazu kamen die Spiele am Wochenende. Außerdem bin ich in die Hessenauswahl berufen worden. Die Belastung war hoch, denn ich musste jeden Morgen und jeden Abend eine halbe Stunde fahren. Wenn mein Opa nicht gewesen wäre, hätte ich das alles nicht geschafft. Er hat mich tagein, tagaus kutschiert, da meine Eltern in ihrem Hotel sehr eingespannt waren. Sogar zum Stützpunkttraining in der Sportschule Grünberg hat er mich gebracht, die Autofahrt dorthin dauerte anderthalb Stunden.

Mit 16 Jahren bin ich zu Hannover 96 gewechs­elt, nachdem der hessische Auswahltrainer Reinhold Fanz dort Cheftrainer wurde und mich unbedingt mitnehmen wollte. Für mich war das ein enormer Schritt, weil ich ein familiärer Mensch und ausgesprochen heimatverbunden bin. Aus all dem herausgerissen zu werden, war nicht einfach. Das wird bei Spielern, die heute in die Nachwuchsleistungszentren kommen, nicht anders sein.

Aber im Unterschied zu ihnen musste ich damals alles selbst organisieren. Das fing schon mit der Wohnungssuche an, und meine erste Wahl stellte sich als nicht so glücklich heraus, weil Wohnung und Schule zu weit vom Trainingsgelände weg waren. Aber auch nach dem Umzug war ich allein dafür verantwortlich, wenn der Lichtschalter in der Wohnung nicht funktionierte oder etwas mit der Stromrechnung nicht passte.

Meine Mutter saß oft weinend zu Hause

Im Alltag hat mir niemand etwas abgenommen, aber ich hatte es auch gar nicht anders erwartet. Mir war klar, dass ich schon morgens meinen Tag komplett durchstrukturieren musste. Ich habe mir Brote geschmiert, denn in der Schule gab es keine Kantine, geschweige denn einen Koch. Dann musste ich die Bahn zur Schule erwischen, rechtzeitig zum Training kommen und anschließend zügig nach Hause fahren, um abends noch meine Hausaufgaben machen zu können. Ich war also zugleich Schüler und habe professionell Fußball gespielt, ohne die Eltern in der Nähe zu haben. Die Familie war zweieinhalb Stunden entfernt, und vor allem das erste halbe Jahr in Hannover war für mich eine richtig harte Zeit.

Meine Eltern haben zwischendurch sogar überlegt, mich wieder nach Hause zu holen, weil so viel auf mich eingeprasselt ist. Noch heute erzählt meine Mutter, dass sie oft weinend zu Hause saß, weil sie gemerkt hat, wie sehr ich leide. Mein Vater hat dann gesagt: Der Junge muss da durch. Aber vermutlich ist ihm das auch nicht leichtgefallen. Im Nachhinein bin ich dankbar dafür, dass ich diese Mühle überstanden habe, denn die Erfahrungen haben mich reifen lassen und ohne sie wäre ich persönlich nicht da, wo ich heute bin. Deshalb sage ich auch immer, dass junge Spieler den Bezug zum normalen Leben nicht verlieren dürfen. Heute sind sie so wohlbehütet und es wird ihnen so viel abgenommen, dass die Gefahr besteht, sich darauf auszuruhen und nicht selbständig zu werden.

Länderspiele wegen Abitur abgesagt

Ich bin damals zwar in die A-Jugend von Hannover 96 gewechselt, habe aber gleich bei den Profis in der Regionalligamannschaft so oft wie möglich mittrainiert. Mitunter habe ich samstags bei den Profis auf der Bank gesessen und, wenn ich nicht zum Einsatz kam, am Sonntag in der A-Jugend gespielt. Als uns später der Aufstieg in die zweite Liga gelang, habe ich zur gleichen Zeit mein Abitur gemacht. Teilweise habe ich den Unterricht abends nachgeholt, oder Lehrer mit Fußballaffinität haben mir Nachhilfe gegeben. Die Schule stand bei mir nämlich über allem, das haben mir meine Eltern eingebläut. Ich habe sogar die Teilnahme an etlichen U18-Länderspielen abgesagt, weil ich das Abitur nicht gefährden wollte.

Auch wenn ich mein Abizeugnis nie mehr gebraucht habe, halte ich einen Schulabschluss weiterhin für wichtig. So gut in den Nachwuchsleistungszentren auch gearbeitet wird, schaffen es trotzdem nur sehr wenige Spieler in den Profifußball und können damit Geld verdienen. Daran sollten auch die Eltern denken, die ihre Kinder in jungen Jahren stark unter Druck setzen. Das ist fahrlässig und für die Entwicklung der Kinder nicht förderlich, zumal es letztlich immer auch mit etwas Glück zu tun hat, ob ein Spieler den Sprung zu den Profis schafft. 

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